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Sarrazin: Wirbel um Auftritt in München:Gehörige Prise Selbstgerechtigkeit

Und Sarrazin selber? Er unternahm nichts, um über die Thesen seines Buches zu sprechen, ihm ging es vor allem um dessen Wirkungsgeschichte. Und diese Wirkungsgeschichte ist in Sarrazins Augen ganz einfach: 100 Prozent der politischen Klasse und 70 Prozent der Medien seien bereits nach Erscheinen der ersten Vorabdrucke gegen sein Buch gewesen, ohne es gelesen zu haben.

Die Zuschriften aus der Bevölkerung dagegen ergäben ein ganz anderes Bild. "Viele scheinen diese Gefährdungen ebenfalls zu empfinden und es scheint ihnen ein Bedürfnis zu sein, dass dies endlich angesprochen wird", sagte der Therapeut Sarrazin und an dieser Stelle klatschte das Publikum besonders heftig.

Die Wirkungsgeschichte seines Buches hat den Mann Sarrazin innerhalb von sechs Wochen (sechs Wochen "öffentliches Fegefeuer" sagte Sarrazin dazu) gewaltig verändert. Die "beträchtliche emotionale Verunsicherung", die Sarrazin nach der ersten Welle der Kritik verspürte, ist längst gewichen. Jetzt empfindet Sarrazin die Kritik nur noch als Beweis dafür, dass er bei seinen Kritikern offenbar einen wunden Punkt getroffen habe. Sonst würden sie ja nicht so aggressiv reagieren.

Für eine offene Diskussion ist so eine Haltung der Tod. Denn wenn den Kritisierten die Einwände nicht erreichen, kann man darüber auch nicht sprechen. Und mit einem gewogenen Saal im Rücken fällt diese Gesprächsverweigerung besonders leicht.

Sarrazin, der in Fernsehdiskussionen immer etwas linkisch wirkt und zudem ein lausiger Redner ist, der die Neigung hat, ständig das Wörtchen "also" in seine Sätze einzuflechten, wurde jedenfalls durch seine Fans im Saal so euphorisiert, dass er seine beiden Kritiker auf dem Podium einfach nur anpampte, gewürzt mit einer gehörigen Prise Selbstgerechtigkeit. Keinen einzigen Fehler hätten sie ihm nachweisen können (obwohl sie genau das getan hatten), behauptete Sarrazin und attestierte Steingart "krassen Unfug" zu reden, während er Nassehi vorhielt: "Da haben Sie einfach nur Albernes aus dem Feuilleton vorgetragen".

Es hätte genügend Unstrittiges in dem Buch gegeben, über das hätte geredet werden können. Denn natürlich hat Sarrazin über ganz reale Probleme geschrieben, und es müsste nun darüber gesprochen werden, mit welchen Mitteln sie gelöst werden können. An dem Abend in der Münchner Reithalle ist die große Paradoxie des Thilo Sarrazin deutlich geworden. Er hat mit Mitteln der Provokation ein längst bekanntes, gleichwohl drängendes Problem zum öffentlichen Gesprächsgegenstand gemacht und damit zugleich das Klima so vergiftet, dass die Debatte darüber gar nicht geführt werden kann.