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Putzbrunn:Temporäre Galerien im stillen Ortskern

Kunst im öffentlichen Raum: Sybille Rath präsentiert ihr Gemälde vom flugbereiten Ikarus im Schaufenster eines ehemaligen Brotzeitladens.

(Foto: Claus Schunk)

Beim "Kunstparcours" lassen sich in Schaufenstern von geschlossenen und leer stehenden Läden Bilder und Skulpturen bestaunen

Von Franziska Gerlach, Putzbrunn

Ein Ölgemälde des Ikarus ist ja eigentlich nichts, was man im Schaufenster eines ehemaligen Brotzeitladens erwarten würde. Die griechische Mythologie erhob den jungen Mann mit den wächsernen Schwingen, der seinen Traum vom Fliegen mit dem Leben bezahlte, einst zum Sinnbild der Waghalsigkeit. Und so, wie die Putzbrunner Künstlerin Sybille Rath den Ikarus auf einer großformatigen Leinwand verewigt hat, wirkt es tatsächlich so, als würde er jeden Moment abheben: die Knie leicht gebeugt, die Arme ausgestreckt, der Gesichtsausdruck eine Mischung aus adoleszentem Übermut und der Hoffnung, dass der Flugversuch glücken könnte. Dass am Ende alles gut wird.

Und vermutlich ist es eben diese Hoffnung auf ein Happy End, die Einzelhandel und bildende Kunst nun in 15 Putzbrunner Schaufenstern zusammenbringt gegen Ende dieses Corona-Jahres, das sowohl Handel als auch Kunstschaffenden massiv zugesetzt hat. Der "Kunstparcours" ist eine Initiative des Grünen-Gemeinderats Jean-Marc Baum und des Putzbrunner Kunstberaters Rupert Fegg. Der ist ebenfalls Mitglied bei den Grünen und als ehemaliger Direktor der Kunstakademie Bad Reichenhall sowie als künstlerischer Leiter der Akademie der Bildenden Künste Kolbermoor obendrein gut vernetzt in der Szene. Quer über die Gemeinde verteilt entstanden so Ausstellungsräume hinter Glas, in denen neben den Putzbrunner Künstlerinnen Miriam Stark und Sybille Rath, Feggs Frau, acht weitere Künstler ihre Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen zeigen können.

Und offenbar tut ein solches Angebot in Zeiten abgesagter Ausstellungen und Galeriebesuchen mit Mundschutz Not: Sybille Rath zum Beispiel kann heuer nur auf eine Einzelausstellung zurückblicken, andere Ausstellungen, im Münchner Goethe-Institut etwa, fielen aus. Der Putzbrunner Kunstparcours gibt ihr da zumindest einen kleinen Teil jener unabdingbaren Sichtbarkeit zurück, die ihr das Jahr 2020 mit coronabedingten Maßnahmen genommen hat. Denn ein Künstler kann noch so begnadet sein: Wer nicht gesehen wird, wird sich kaum behaupten können auf dem Kunstmarkt.

Deshalb seien Ausstellungen in "guten Museen" und in "guten Galerien" auch so wichtig, wenn man weiterkommen wolle, erläutert die vielfach prämierte Künstlerin, die freie Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert hat. "Doch wenn ich mit den Leuten keinen Kontakt habe, ist das schwierig, dann tut sich nichts." Nun mag öffentlicher Raum im kleinen Putzbrunn nicht so glanzvoll sein wie eine namhafte Galerie. Doch der Ruf nach frischen, alternativen Ideen zur Präsentation rumort schon fast so lange in der Szene wie die Forderung, dass Kunst nicht nur einem gediegenen, akademischen Kreis vorbehalten sein sollte. Der Qualität der in Putzbrunn gezeigten Werke jedenfalls tut es keinen Abbruch, wenn sie zur Abwechslung mal in den Fenstern der Gemeindeverwaltung zu sehen sind, in der Hauptstraße oder im Gewerbegebiet.

Bis zum 15. Januar, vielleicht sogar noch länger, können Passanten ohne Angst vor Ansteckung durch dieses unkonventionelle Freilichtmuseum spazieren und dabei im besten Fall hinter den Fenstern noch spontan ein Weihnachtsgeschenk auftun. Manche der Läden, die nun zu temporären Galerien umfunktioniert wurden, stehen schon länger leer, andere mussten des erneuten Lockdowns wegen schließen. Wird ein Bild verkauft, erhalten die Händler 20 Prozent der Einnahmen. Wenn nicht, besteht zumindest die Chance, dass ihnen die ausgestellten Bilder und Skulpturen für die Zeit nach dem Lockdown neue Kunden vors Fenster ziehen. Überhaupt, erläutert Kunstberater Fegg, gehe es bei dieser Veranstaltung auch um "die Belebung des Ortskerns". Sprich: Mit der Kunst jener Reizlosigkeit beizukommen, die Leerstand und das Sterben einen gewachsenen Einzelhandels nun einmal zwangsläufig im Straßenbild hinterlässt.

Eine Bäckerei, ein schönes Café, so sagt auch Künstlerin Miriam Stark, das fehle in Putzbrunn. Sie ist Tierärztin von Beruf, sei aber vor zehn Jahren auf die Kunst umgestiegen. Den Tieren blieb sie treu. Zu ihrem Repertoire gehören neben expressiven Tierporträts auch realanatomische Tierköpfe aus Filz, die ihren lebenden Vorbildern verblüffend ähnlich sehen. Liebhaberstücke, die ihre Anhänger gefunden haben, das ist ihr Glück. Die Auswirkungen der Corona-Krise spürt die Künstlerin dennoch. "Auch ich lebe davon, die Köpfe in Restaurants, Arztpraxen und vor allem in Hotels zu präsentieren", sagt Stark. Insofern freue sie sich über den Kunstparcours, zumal sie gerne dort ausstelle, wo sie wohne und arbeite. Das Modell der afrikanischen Oryxantilope, die sie nun in einem Schaufenster zeigt, lebt in einem Zoo. Noch so ein Ort, der gerade geschlossen hat. Seit Corona filze sie ohnehin vermehrt Schafe, Esel, Steinböcke, sagt die Künstlerin. Tiere aus der Heimat eben.

© SZ vom 18.12.2020
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