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Pullach:Wie im Wahn

Lokalpolitiker zeigen sich abgestoßen vom Stil der Tausendfreund-Gegner

Wie sich der Puppenspieler und Regisseur Holger Ptacek momentan fühlt inmitten des politischen Schmierentheaters, das in zahlreichen Akten regelmäßig im Isar-Anzeiger zur Aufführung kommt, stellt er gleich an den Anfang seiner Reaktion auf die aktuellen Entwicklungen: "Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte", zitiert der SPD-Fraktionssprecher im Pullacher Gemeinderat den deutschen Impressionisten Max Liebermann. Entsprechend geharnischt liest sich seine Replik, die am Donnerstag in dem Pullacher Gemeindeblatt auf die jüngst dort veröffentlichten Vorwürfe gegen ihn und andere Gemeinderäte erscheinen soll.

Vorläufiger Höhepunkt war dabei der aufsehenerregende Leserbrief, den die Personalrätin und Leiterin der Gemeindebibliothek Eveline Petraschka zuletzt für den Isar-Anzeiger verfasst hat. Darin rückt sie die Amtsführung von Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) in die Nähe eines totalen Regimes, beruft sich dabei auf den umstrittenen Geschichtsphilosophen Ernst Nolte und beklagt mehrere Zensurversuche durch das Rathaus. Dagegen spricht sie Alexander Betz (FDP) Mut und Widerstandsgeist zu, weil dieser wie ein Bollwerk hinter Tausendfreunds Kontrahentin Christine Eisenmann gestanden habe, und bezeichnet Ptacek indirekt als Faschisten, nachdem dieser Betz nach dessen mehrmaligen scharfen Attacken einen Querulanten genannt hatte.

Über Wochen gieße Betz im Isar-Anzeiger einen Kübel Unrat nach dem anderen aus, so Ptacek. Nachdem sich zuletzt sogar die FDP vom aggressiven Ton ihres Fraktionssprechers distanzierte, "mochte man meinen, hat der Spuk ein Ende. Doch weit gefehlt," schreibt Ptacek. Er sieht die gescheiterte CSU-Bürgermeisterkandidatin Christine Eisenmann hinter den Attacken. "Sie versucht immer noch, die Auflösung ihres Arbeitsvertrags zur Angelegenheit des Gemeinderats zu machen und hofft, so eine Abfindung und ein für sie günstiges Zeugnis zu bekommen", schreibt Ptacek. Den metaphorischen Boden des Fasses sprenge aber Petraschka, die all jene, die die verbalen Entgleisungen von Betz kritisieren, in die Nähe des Faschismus rücke.

"Das Weltbild, das ich hinter den Äußerungen von Betz, Eisenmann und Petraschka ausmache, ist folgendes: Wir leben in einer grünen Diktatur, in der die böse Hexe Tausendfreund mit Hilfe von willigen und gekauften Helfern die Meinungsfreiheit unterdrückt", schreibt Ptacek. In Pullach gebe es einige Akteure, die auf einen anderen Wahlausgang gesetzt hätten und sich jetzt um ihre Zukunftsplanung betrogen sähen. "Sie leben in dem Wahn, sie seien Opfer. Und als Opfer stehe es ihnen zu, sich so lange mit Mitteln zur Wehr zu setzen."

Auch andere Politiker zeigen sich vom Stil der Personalratsvorsitzenden abgestoßen. "Ich bin geschockt, traurig und enttäuscht, mir fehlen die Worte", sagt laut Münchner Merkur Dritte Bürgermeisterin Cornelia Zechmeister (WIP). Fabian Müller-Klug (Grüne) wird mit den Worten zitiert: "Die Monstrosität der Geschichtsvergleiche gehen an allem vorbei, was mal der Ausgangspunkt eines Konflikts gewesen sein könnte. Petraschka wird ihrer Rolle als Personalratsvorsitzende nicht gerecht."

© SZ vom 03.08.2020 / mm

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