Pullach:Was vom Sommer bleibt

Sommerlauf Baierbrunn

Erlebnisse wie der Erfolg beim Baierbrunner Sommerlauf haben den Sommer in Pullach für die afrikanischen Flüchtlinge erträglicher gemacht.

(Foto: privat)

Als 100 Flüchtlinge in der Pullacher Schulturnhalle einquartiert waren, haben Hedwig Rost und ihr Mann Jörg Baesecke Freundschaft mit einigen jungen Männern geschlossen. Inzwischen leben diese in der Oberhachinger Traglufthalle. Doch das Ehepaar versucht, den Kontakt zu halten

Von Konstantin Kaip, Pullach

Seit Mitte Oktober ist es wieder beschaulicher geworden in der Pullacher Ortsmitte. Die Notunterkunft für Flüchtlinge in der Turnhalle der Josef-Breher-Mittelschule wurde aufgelöst, fast alle der etwa 100 jungen Männer, die dort fünf Monate lang gelebt haben, sind nun in der Traglufthalle in Oberhaching untergebracht. Das Bild der umliegenden Straßen und Plätze, das die temporären Gäste einen Sommer lang geprägt haben, hat sich seitdem merklich verändert.

Hedwig Rost klingt ein bisschen wehmütig, wenn sie vom Umzug der Flüchtlinge spricht. Sie vermeidet es nach eigenen Angaben sogar, an der Mittelschule vorbeizugehen. "Es fehlt jetzt etwas, ganz deutlich", sagt sie in ihrem Haus an der Schubertstraße. Die Menschen, die in der Turnhalle in der Ortsmitte gelebt haben, seien eine Bereicherung gewesen, die sie vermisse, sagt Rost. "In dieses verschlossene, spießige Pullach, von dem immer so beklagt wird, dass jeder nur hinter seiner Hecke sitzt," hätten sie "ein Stück Lebensqualität" gebracht. Dann überlegt sie kurz und fasst schließlich so zusammen, was im vergangenen Sommer in ihrer Gemeinde passiert ist: "Pullach wurde auf eine schöne Weise plötzlich zum Dorf."

Hedwig Rost und ihr Mann Jörg Baesecke gehören zu dem Kreis der zahlreichen freiwilligen Helfer, die sich um die Flüchtlinge in Pullach gekümmert haben. Die beiden freiberuflichen Schauspieler, die in Pullach das Miniaturtheater "Die kleinste Bühne der Welt" betreiben, sind im Juni dem Aufruf von Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) gefolgt und auf die Neuankömmlinge in der Turnhalle zugegangen. "Wir wollten den Menschen ein Gefühl des Willkommenseins geben", sagt Rost. "Was sich daraus entwickelt hat, hätten wir uns nicht ausdenken können." Die Hilfe für die Flüchtlinge wurde für das Ehepaar zur Aufgabe, die bis heute ihren Alltag bestimmt.

Während sich der Pullacher Helferkreis schon damit beschäftigt, wie man den minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen helfen kann, die in die Burg Schwaneck eingezogen sind, bleiben Rosts Gedanken und Bemühungen bei "ihren" Afrikanern in Oberhaching. "Man kann nicht sagen: Die sind jetzt weg, jetzt kommen die Nächsten", erklärt sie. "Sie sind mir zu sehr ans Herz gewachsen."

Wenn Jörg Baesecke auf die vergangenen Monate zurückblickt, spricht er fast zärtlich von "unserem Sommermärchen" und von einer "sozialen Bewegung", die den Ort verändert habe. "Am Ende war es so leicht", sagt er. "Die Begegnung ändert alles." Von zahlreichen Begegnungen erzählt das rote Gästebuch, das er aufschlägt. Es ist mittlerweile das dritte, voller Fotos von Grillabenden in ihrem Garten, an der Isar, Trommelrunden, Kinobesuchen, Ausflügen zum See. Lachende Gesichter, Grußworte und kleine Zeichnungen wie die eines Mehrfachsteckers, in dem die Gäste ihre Smartphones aufluden, erinnern an erlebnisreiche Tage, von denen Baesecke und Rost auch in ihrem Blog berichten (Isartal-interim.blogspot.com). In diesem Sommer haben Baesecke und Rost nicht nur mit den Flüchtlingen Ausflüge unternommen, sie in Deutsch unterrichtet und Gespräche geführt. Die Pullacher, die neben einer leiblichen Tochter noch eine Adoptivtochter aus Äthiopien haben, haben Beziehungen aufgebaut, für die sie sich nach wie vor verantwortlich fühlen. Vor allem zu "unseren zwei Ziehsöhnen", wie Baesecke sie nennt: Einer ist ein 19-jähriger Senegalese, der Rost gleich am ersten Tag auffiel, wie sie sagt. "Er hat etwas ganz Fröhliches, Strahlendes, wenn es ihm gut geht und er abgelenkt ist. Und dann fällt er zusammen wie ein Haufen Asche und erlischt." Irgendwann habe er ihr von seiner schrecklichen Flucht aus dem Senegal erzählt und davon, was ihm seitdem widerfahren ist. Er sei mit 15 vor den Mördern seines Vaters geflohen, ohne Geld von seiner Mutter losgeschickt. "Er wollte nie nach Europa", erzählt Rost. Sie habe bereits beim Landratsamt um therapeutische Hilfe gebeten, aber die bekämen nur minderjährige Flüchtlinge.

Der 19-Jährige liebt Sport, er spielt leidenschaftlich Fußball und dominierte mit anderen jungen Flüchtlingen prompt den Sommerlauf in Baierbrunn. Der junge Mann, der auf der Bühne auch schon sein Talent als begnadeter Trommler bewiesen hat, habe großes Potenzial, schwärmt Rost. Er spreche sieben Sprachen, lerne jetzt Deutsch, und habe zudem eine beeindruckende Sozialkompetenz. Trotz seines jungen Alters sei er im "Camp", wie die Afrikaner die Pullacher Unterkunft nannten, als Streitschlichter stets akzeptiert worden. Inzwischen konnte Rost für den 19-Jährigen einen Platz an der Isus-Schule in München besorgen, die sich schwer traumatisierter Flüchtlinge annimmt. Der andere besondere Schützling der beiden ist ein 24-Jähriger aus Mali. Er sei der Fleißigste im Deutschunterricht gewesen und habe als erster ein eigenes Konto eröffnet. Inzwischen konnten ihm Rost und Baesecke, nach wochenlangen Bemühungen, in einem Münchner Restaurant einen Arbeitsplatz besorgen. "Er hat die Chance, eine Ausbildung zur Restaurant-Fachkraft zu machen." Nur dass er in der Traglufthalle wohnt, das sei nicht förderlich. Manchmal rufe er nachts aus Oberhaching an, im Hintergrund sei es dann "laut wie im Bierzelt", berichtet Baesecke.

Baesecke und Rost haben den Umzug der Flüchtlinge Mitte Oktober begleitet. Sie haben schon vorab Kontakt mit dem Helferkreis Oberhaching aufgenommen, "damit jemand da ist, wenn sie kommen", sagt Baesecke. Das habe sehr gut funktioniert. Zudem seien die Oberhachinger dankbar für Tipps gewesen, die die Pullacher ihnen aus eigener Erfahrung geben konnten. Zwar wird sich künftig in der Stabsstelle Asyl, die im Landratsamt gerade ihre Arbeit aufgenommen hat, eine eigens abgestellte Koordinatorin um die Helferkreise kümmern. Beim Umzug der Flüchtlinge von Pullach nach Oberhaching aber lief alles auf Initiative der Helfer.

Pullach: Auch Grillabende an der Isar mit Rost und Baesecke taten den Flüchtlingen gut.

Auch Grillabende an der Isar mit Rost und Baesecke taten den Flüchtlingen gut.

(Foto: privat)

Für Hamadji sucht der Arbeitgeber gerade nach einer besseren Bleibe. Für Aladji hat Rost in Baierbrunn die ideale Wohnung gefunden. In einer Flüchtlingswohnung, wo andere Senegalesen leben, seien dort zwei Betten frei, erzählt sie. Der 19-jährige, der auch beim SC Baierbrunn trainiert, würde dort sehr gerne mit seinem besten Freund einziehen. Rost hat sich bereits mit der Gemeinde in Verbindung gesetzt und auch beim Landratsamt mehrfach angefragt - bislang allerdings ohne Ergebnis. "Wir haben eine ganze Reihe von Asylbewerbern, die aus unterschiedlichen Gründen aus großen Unterkünften in kleinere Einheiten verlegt werden sollen", heißt es dazu vom Landratsamt. "Hier wird nach einer Prioritätenliste vorgegangen, sodass sichergestellt wird, dass die vordringlichsten Fälle auch zuerst umziehen können."

Mehr Glück hatte da Gbenga David Ilori. Der 37-jährige Nigerianer ist einer von zwei Flüchtlingen, die nach der Auflösung der Notunterkunft in der Schulturnhalle in Pullach bleiben konnten. Er kam mit Hilfe der Gemeinde in einer kleinen Einliegerwohnung unter, von der aus er mit dem Fahrrad zu seiner Arbeit fahren kann. Seit Anfang Oktober arbeitet Ilori bei einem Hausmeisterservice in Pullach. Vermittelt haben den Job der Fraktionssprecher der Grünen im Pullacher Gemeinderat, Lutz Schonert, und seine Frau Ulrike. Wie Rost und Baesecke fahren auch die Schonerts immer wieder nach Oberhaching, um ihre ehemaligen Nachbarn in der Traglufthalle zu besuchen. "Sie freuen sich, wenn wir kommen", sagt Lutz Schonert. Kürzlich hätten sie für sechs Afghanen, die sich dort ein Abteil teilen, einen Teppich gekauft, weil der Kunststoffboden dort so kalt sei. Er sei auch schon vom Helferkreis gefragt worden, ob er nicht für die Minderjährigen in der Burg Schwaneck Deutschkurse geben wolle, erzählt Lutz Schonert und schüttelt den Kopf. "Man kann nicht einfach Menschen austauschen."

Gbenga David Ilori ist jedenfalls dankbar für das was "Lutz und Rike" für ihn getan haben. Für die Wohnung, die Arbeit und das Geld, mit dem er seine Frau und seine drei Töchter in Nigeria unterstützen kann, die er seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat. Er vermisse sie, sagt er. Aber er wolle ihnen auch ein besseres Leben bieten. "Man muss tun, was man tun muss." Neun Monate hat er in deutschen "Camps" verbracht, in Dortmund, Essen, München, Ingolstadt und Pullach. "Zeit zu verlieren", sagt er, "ist das Schlimmste, was es gibt."

Das weiß auch Hedwig Rost, und deshalb wird sie sich weiter um die Afrikaner in Oberhaching kümmern. Auch wenn sie und ihr Mann sich nun auch wieder um ihre Theaterarbeit kümmern müssen. Zwölf junge Männer habe sie schon an eine Schule vermittelt, sagt Rost, andere konnte sie in Deutschkursen unterbringen. Zwei Schneider würden jetzt unentgeltlich regelmäßig bei einem Flüchtlingsprojekt Kleidung und Taschen nähen, andere engagierten sich in einem Küchenprojekt. Ihr ist bewusst, dass meisten Afrikaner als Armutsflüchtlinge wenig Chancen auf dauerhaftes Bleiberecht haben. Trotzdem wolle sie ihnen Möglichkeiten bieten, etwas zu lernen. "Damit sie wenigstens was mitnehmen, wenn sie abgeschoben werden."

© SZ vom 25.11.2015
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