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Pullach:Grausamkeiten in der Idylle

Das Geschichtsforum Pullach widmet sich in einer Ausstellung der ehemaligen "Reichssiedlung Rudolf Heß" und dem Obersalzberg

Auf den ersten Blick haben der Berghof am Obersalzberg und die ehemalige Stabsleitersiedlung an der Pullacher Heilmannstraße keine Gemeinsamkeiten, sieht man einmal ab von der reizvollen Umgebung, in die beide eingebettet sind. Es ist die Geschichte, die sie verbindet. Eine bedrückende Geschichte. Auf dem 1000 Meter hohen Hügel bei Berchtesgaden richtete sich Adolf Hitler häuslich ein, ließ im "Führersperrgebiet" sein Feriendomizil errichten und empfing regelmäßig Staatsgäste. Im schönen Isartal ließ Hitler auf 70 Hektar Fläche eine Siedlung für hochrangige Angehörige des Stabes von Rudolf Heß errichten, gab ihr den Namen "Sonnenwinkel" und ließ auch sie hermetisch abriegeln. An beiden Plätzen feierte die Blut- und Bodenideologie schreckliche Urständ und gedieh braunes Gedankengut auf das Schlimmste. Und hier wie dort entwarfen der sogenannte Führer und höhere NS-Chargen Pläne für ihr tausendjähriges Reich, das dann doch nur zwölf Jahre hielt und mit einer Katastrophe endete.

1999 wurde die Dokumentation Obersalzberg eröffnet, in der die Geschichte des Ortes während der Zeit des Nationalsozialismus und die Verbindungen zur gesamten nationalsozialistischen Politik dargestellt wird. In Pullach wurde wesentlich später forciert mit der historischen Spurensuche begonnen, nicht zuletzt deshalb, weil der Bundesnachrichtendienst (BND), der 1956 im "Sonnenwinkel" eingezogen war, Nachforschungen zu seiner belasteten Vorgeschichte lange blockierte. So erfüllte sich für viele an der Pullacher Zeitgeschichte interessierte Gemeindebürger und Historiker ein lange gehegter Wunsch, als Ende 2013 im Bürgerhaus die Ausstellung "Pullach, Heilmannstraße: Geschichte eines geheimnisvollen Ortes" eröffnet wurde und den Besuchern auf 45 Schautafeln erstmals wissenschaftlich aufbereitete Originaldokumente, Fotos und Familiengeschichten aus der einst abgeriegelten Reichssiedlung präsentiert wurden. Das historische Material war interessant genug, um auch in Ausstellungen in Frankfurt, Berchtesgaden, Münster, Berlin und München gezeigt zu werden. Dank ihrer akribischen Spurensuche rund um die ehemalige Stabsleitervilla haben die beiden Historikerinnen Susanne Meinl und Sonja Neumann sowie das Geschichtsforum Pullach jedenfalls einige Geheimnisse des mysteriösen Ortes gelüftet - und Neugierde geweckt.

Am Donnerstag, 17. Januar, wird - wiederum im Bürgerhaus - eine zweite Ausstellung der beiden Kuratorinnen Meinl und Neumann zum Thema eröffnet. Ihr Titel: "Trügerische Idylle - Pullach und der Obersalzberg". Für die Ausstellung zeichnen wiederum das Geschichtsforum Pullach und das Institut für Zeitgeschichte verantwortlich. Es war Adolf Hitler, der 1935 Martin Bormann, den damaligen Stabsleiter seines Stellvertreters Rudolf Hess, mit den Aus- und Umbauten des "Führersperrgebietes" rund um den Berghof am Obersalzberg und gleichzeitig mit der Errichtung der neuen Siedlung "Sonnenwinkel" beauftragte. Als Herzstück der Siedlung galt die Stabsleitervilla, in der im September 1938 das Münchner Abkommen vorbereitet wurde. Hitler fand offensichtlich Gefallen an der "Reichssiedlung Rudolf Heß", jedenfalls ordnete er ihren weiteren Ausbau an und richtete sich hier ein. Zwischen 1939 und 1943 hielt sich der Diktator jedes Jahr mehrere Tage in Pullach auf. Nicht immer unbemerkt. So etwa standen eines Tages im Jahr 1938, als Adolf Hitler in Pullach vorfuhr, Kinder an der Heilmannstraße Spalier und mussten den Gruß zeigen.

Die Ausstellung im Pullacher Bürgerhaus visualisiere die Genese der beiden historischen Orte und deren trügerische Idylle: "die heimelige Architektur und die Verbrechen, die hinter den Fassaden vorbereitet und entschieden wurden", schreiben die Veranstalter. Wie trügerisch die Idylle im "Sonnenwinkel" war, zeigt allein die Tatsache, dass hier die NS-Führung mit ungarischen Emissären über die Ermordung der ungarischen Juden verhandelte. Wie auf dem Obersalzberg gaben sich auch in Pullach hochrangige Besucher die Klinke in die Hand. Sie gelangten bald über ein Sondergleis, das von der Isartalbahn abzweigte, direkt in die NS-Mustersiedlung, in der übrigens Katzen verboten und Hunde erlaubt waren - jedoch nur angeleint. Im Jahr 1943 wurde der "Sonnenwinkel" in "Führerhauptquartier Siegfried" umbenannt und Hitler ließ einen von mehreren Bunkern für sich und seine Geliebte Eva Braun zum "Führerbunker Hagen" luxuriös ausbauen. Über die Spielwiese für die kruden Ideen der Nationalsozialisten ist über Jahrzehnte hinweg viel Gras gewachsen. Umso gespannter darf man darauf sein, was die beiden Kuratorinnen Susanne Meinl und Sonja Neumann für ihre zweite Ausstellung zusammengetragen haben.