Puerto Giesing Im Kaufhaus der Sinne

Party statt Leerstand: Im ehemaligen Hertie-Kaufhaus feiert die Subkultur die Vergänglichkeit des Seins. Ein Abend im Puerto Giesing.

Von Viktoria Großmann

Neben der Bar hängt noch ein Schild "Zur Betriebsversammlung", doch den alten Betrieb, das Hertie-Haus, gibt es nicht mehr, es ist ausgehöhlt, leer geräumt und trotzdem voller Leben, obwohl der Ladenschluss hier Dauerzustand ist. Zum Beispiel am vergangenen Freitagabend, der langsam beginnt. Erst bewegen sich nur ein paar Teenager im Untergeschoss des ehemaligen Kaufhauses zu Elektronikmusik, dann füllen sich die Stockwerke zum allabendlichen Ritual: Es ist der große Kultur-Tanz, das Szene-Ereignis des Jahres. Anfangs war diese Zwischennutzung nur bis Ende August geplant, jetzt kann der Betrieb noch bis Oktober weiter gehen, mindestens.

Die "Blinkin' Lights" hat der Chaos Computer Club installiert. Die Anwohner dürfen  über das Internet selbst die Muster mitbestimmen.

(Foto: Lena Jakat)

"Puerto Giesing" heißt die Zwischennutzung des Abrissgebäudes an der Tegernseer Landstraße, Ecke Ichostraße. Es bietet Malern, Musikern, Mode-Designern und Computer-Freaks Raum zur Entfaltung und Gestaltung, manchmal sogar zur Entspannung. Auch spät am Abend könnte es hier sehr gemütlich sein: Man müsste sich jetzt nur in die Badewanne im Rückgebäude des Kaufhauses legen und den Ausblick auf die Heilig-Kreuz-Kirche und die windschiefen Kleinstadthäuschen Giesings genießen.

Doch der Giesinger Hafen ist trotz grandioser Aussicht wenig beschaulich, dafür extrem bunt. Neben dem alten Badezimmer mit Fliesen in Blutbildoptik probt Alfred Pöschl gerade mit den Jungs von "Kamerakino". Basti missbraucht eine Geige als Gitarre, im Hintergrund liegt ein Banjo herum. Den Flur hinunter hat sich die Modemacherin Bernadette Obergrußberger eingerichtet, die sich selbst als "Königin des Recyclens" bezeichnet und einen wilden Boheme-Look aus bayerischer Tradition und Popkultur kreiert.

Hierher gebracht hat sie alle Zehra Spindler, sie ist eine Art Kaufhaus-Chefin. Wer sie erreichen will, braucht einen Facebook-Account und sehr viel Glück. 4000 unbeantwortete Anfragen warten allein im sozialen Netzwerk auf sie, dazu kommen Hunderte unbeantwortete E-Mails, den Anrufbeantworter hört sie schon nicht mehr ab. Bis es soweit kam, brauchte sie viel Geduld und Hartnäckigkeit: "Anfangs war ich einfach sieben Tage die Woche 20 Stunden online und habe Ideen und Vorschläge gepostet." Eine "semifiktive Veranstaltungsgeneratorin" sei sie damals gewesen. Längst fühlt sie sich wie die "Muddi" des Betriebs: "Nach Mitternacht schleiche ich oft wie das Schlossgespenst Hui-Buh mit einem großen Schlüsselbund durchs Kaufhaus."

Charme des Vergänglichen

An diesem Freitag findet das Elektro-Beats-Festival "Grüne Sonne" hier Unterschlupf. Im ursprünglichen Festival-Ort Aßling hätte nur bis ein Uhr nachts gefeiert werden dürfen. Im Puerto Giesing geht es bis fünf Uhr morgens - ein Kompromiss. "Leider durften wir die Sperrstunde nicht aussetzen", sagt der Veranstalter, der im Haus als Michi bekannt ist. "Ab fünf ziehen wir in eine Disko weiter".

Allein mit dem Charme des Vergänglichen lässt sich der Erfolg des Veranstaltungsortes nicht erklären. Schließlich hat die Umwidmung der Kartenvorverkaufsstelle der Oper, München schon vor zehn Jahren gezeigt, dass Zwischennutzungen in München immer eine gewisse Faszination auf die Szene ausüben. Puerto Giesing ist wohl auch deshalb zur Attraktion geworden, weil das verwandelte Kaufhaus wie ein Fremdkörper wirkt - das Ganze erinnert an die Blütephase der Berliner Subkultur.

Es sind vor allem die Jungen, die an der Tegernseer Landstraße Schlange stehen. Das Publikum ist eher Anfang als Ende zwanzig, darunter mischen sich ein paar snobistisch veranlagte Thirty-somethings, die ihre verspäteten Boheme-Posen ausleben. Dünne Mädchen in verknautschten Jersey-Kleidchen und Baumwollturnschuhen, Jungs mit dunkelgerahmten Nerd-Brillen und zerzausten Lockenköpfen lassen sich durchs Haus treiben.

Hertie in Giesing und Laim

Abverkauf und Abschiedsgruß