Süddeutsche Zeitung

Puerto Giesing:Im Kaufhaus der Sinne

Party statt Leerstand: Im ehemaligen Hertie-Kaufhaus feiert die Subkultur die Vergänglichkeit des Seins. Ein Abend im Puerto Giesing.

Neben der Bar hängt noch ein Schild "Zur Betriebsversammlung", doch den alten Betrieb, das Hertie-Haus, gibt es nicht mehr, es ist ausgehöhlt, leer geräumt und trotzdem voller Leben, obwohl der Ladenschluss hier Dauerzustand ist. Zum Beispiel am vergangenen Freitagabend, der langsam beginnt. Erst bewegen sich nur ein paar Teenager im Untergeschoss des ehemaligen Kaufhauses zu Elektronikmusik, dann füllen sich die Stockwerke zum allabendlichen Ritual: Es ist der große Kultur-Tanz, das Szene-Ereignis des Jahres. Anfangs war diese Zwischennutzung nur bis Ende August geplant, jetzt kann der Betrieb noch bis Oktober weiter gehen, mindestens.

"Puerto Giesing" heißt die Zwischennutzung des Abrissgebäudes an der Tegernseer Landstraße, Ecke Ichostraße. Es bietet Malern, Musikern, Mode-Designern und Computer-Freaks Raum zur Entfaltung und Gestaltung, manchmal sogar zur Entspannung. Auch spät am Abend könnte es hier sehr gemütlich sein: Man müsste sich jetzt nur in die Badewanne im Rückgebäude des Kaufhauses legen und den Ausblick auf die Heilig-Kreuz-Kirche und die windschiefen Kleinstadthäuschen Giesings genießen.

Doch der Giesinger Hafen ist trotz grandioser Aussicht wenig beschaulich, dafür extrem bunt. Neben dem alten Badezimmer mit Fliesen in Blutbildoptik probt Alfred Pöschl gerade mit den Jungs von "Kamerakino". Basti missbraucht eine Geige als Gitarre, im Hintergrund liegt ein Banjo herum. Den Flur hinunter hat sich die Modemacherin Bernadette Obergrußberger eingerichtet, die sich selbst als "Königin des Recyclens" bezeichnet und einen wilden Boheme-Look aus bayerischer Tradition und Popkultur kreiert.

Hierher gebracht hat sie alle Zehra Spindler, sie ist eine Art Kaufhaus-Chefin. Wer sie erreichen will, braucht einen Facebook-Account und sehr viel Glück. 4000 unbeantwortete Anfragen warten allein im sozialen Netzwerk auf sie, dazu kommen Hunderte unbeantwortete E-Mails, den Anrufbeantworter hört sie schon nicht mehr ab. Bis es soweit kam, brauchte sie viel Geduld und Hartnäckigkeit: "Anfangs war ich einfach sieben Tage die Woche 20 Stunden online und habe Ideen und Vorschläge gepostet." Eine "semifiktive Veranstaltungsgeneratorin" sei sie damals gewesen. Längst fühlt sie sich wie die "Muddi" des Betriebs: "Nach Mitternacht schleiche ich oft wie das Schlossgespenst Hui-Buh mit einem großen Schlüsselbund durchs Kaufhaus."

Charme des Vergänglichen

An diesem Freitag findet das Elektro-Beats-Festival "Grüne Sonne" hier Unterschlupf. Im ursprünglichen Festival-Ort Aßling hätte nur bis ein Uhr nachts gefeiert werden dürfen. Im Puerto Giesing geht es bis fünf Uhr morgens - ein Kompromiss. "Leider durften wir die Sperrstunde nicht aussetzen", sagt der Veranstalter, der im Haus als Michi bekannt ist. "Ab fünf ziehen wir in eine Disko weiter".

Allein mit dem Charme des Vergänglichen lässt sich der Erfolg des Veranstaltungsortes nicht erklären. Schließlich hat die Umwidmung der Kartenvorverkaufsstelle der Oper, München schon vor zehn Jahren gezeigt, dass Zwischennutzungen in München immer eine gewisse Faszination auf die Szene ausüben. Puerto Giesing ist wohl auch deshalb zur Attraktion geworden, weil das verwandelte Kaufhaus wie ein Fremdkörper wirkt - das Ganze erinnert an die Blütephase der Berliner Subkultur.

Es sind vor allem die Jungen, die an der Tegernseer Landstraße Schlange stehen. Das Publikum ist eher Anfang als Ende zwanzig, darunter mischen sich ein paar snobistisch veranlagte Thirty-somethings, die ihre verspäteten Boheme-Posen ausleben. Dünne Mädchen in verknautschten Jersey-Kleidchen und Baumwollturnschuhen, Jungs mit dunkelgerahmten Nerd-Brillen und zerzausten Lockenköpfen lassen sich durchs Haus treiben.

Der September ist ausgebucht

Seit Tagen sind inzwischen außerdem unzählige Leute damit beschäftigt, das Partyprojekt "Grüne Sonne" vorzubereiten: Sie hängen Vogelkäfige und Regenschirme auf und geben dem Untergeschoss des Kaufhauses - der ehemaligen Lebensmittelabteilung - mit drapierten Stoffbahnen, Glitzerfolien und Holzverkleidung ein altmodisch-heimeliges Aussehen. An der ehemaligen Wursttheke blinkt nun ein Christuskreuz, über den Getränken bauschen sich gemalte Wolken.

Auch die Kantine wurde komplett umgestaltet: Hier finden jeden Donnerstag die "Ghostabende" statt. Zu später Stunde gibt es Vorträge über mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten der Geschichte - Hauptsache, sie sind tot. Dazu schimmert neben dem White-Board, auf dem die Power-Point-Präsentation läuft, ein weißer Sarg. In der Ecke steht ein Ehebett mit Tigerfellbezug. Am Plafond schimmert Spiegelfolie. Ob den Hertie-Verkäufern ihr Mittagessen bekommen ist, in dem kleinen Raum? Es gibt nur zwei Fenster, über den Köpfen der Sitzenden, im Stehen kann man aufs Parkdeck sehen. Mit den Bierbänken hat es trotzdem was von der Wohnküche einer 7er-WG. Das Publikum ist entweder studentisch jung - oder es sind selbst Künstler, die sich über alle Altersgrenzen hinwegsetzen.

Ein älterer Mann kommt fast jeden Donnerstag zum Ghostabend und zeichnet die Referenten. Ein junges Paar ist aus Sendling zum Vortrag über den ecuadorianischen Künstler Eduardo Sola Franco herüber spaziert. Sie kommen zum zweiten Mal und freuen sich, dass in München etwas alternativ zu den elitären Abendkleid-Veranstaltungen geboten wird, und das auch noch kostenlos. Tatsächlich scheinen die Kreativen von nichts zu leben: nur von Luft und ihrer unendlichen Energie. Überall im Haus blüht die Spontan-Kunst - wie zufällig, geradezu aufreizend nachlässig stehen gelassene Objekte, Malereien, Texte, Dekorationen.

Wenn Zehra Spindler durchs Haus geht, entdeckt sie immer Neues. Im Treppenschacht Aufgang B hängt eine mehrere Meter hohe Drahtskulptur, die wie aus Einkaufswagen zusammengesetzt zu sein scheint. Ein Fotograf dokumentiert den Verfall des Hauses und platziert seine Bilder an verschiedenen Orten im Gebäude. "Die tun, was sie wollen. Ich steh' da nicht dauernd in der Tür und frage: Was macht ihr gerade?", sagt Spindler.

"Kennst du schon die Schrei-Box?"

Das Publikum des Puerto Giesing muss mindestens so spontan sein wie die Künstler selbst - und dauernd online. Alles, was im Puerto Giesing stattfindet, wird auf Facebook, Twitter, der Homepage gemeldet, "gepostet". Zwar ist auch der September bereits ausgebucht, doch das heißt nicht, das nicht innerhalb weniger Stunden ein Konzert verschoben oder ein neues angekündigt wird.

Wann das Hertie-Haus abgerissen wird, steht auch noch nicht ganz fest. Wer weiß, ob im Oktober wirklich das Ende naht. So hat sich das Projekt schließlich auch finanziell gelohnt: "Bis jetzt haben wir eine schwarze Null", sagt Spindler. Die meisten Veranstaltungen seien eben keine kommerziellen Partys, sondern kleine, spezialisierte Kulturangebote wie die Ghostabende.

Gegen halb zwei morgens wird es auf der Tanzfläche im Untergeschoss dann auf einmal sehr eng. "Blöd, dass sie wegen der Nachbarn die Bässe nicht aufdrehen dürfen", schreit einer durch die Beats. "Oben gibt es noch eine Tanzfläche", also raus, durchs Gedränge, an dunkelblauen Sicherheitskräften vorbei Richtung Personalabteilung. In einem alten Lagerraum legt ein weiterer DJ auf. "Kennst Du schon die Schrei-Box?" - genau, im Puerto Giesing muss man oft laut sein, um Gehör zu finden. Aber noch lauter kann man das in einer Zelle im Foyer tun. Gemeinsam mit anderen quetscht man sich auf Camping-Stühle und schreit los. Ab einer bestimmten Dezibelzahl wird ein Foto geschossen - das kann man für 50 Cent seiner Partybekanntschaft verehren.

Inzwischen ist es drei Uhr nachts, der Altersdurchschnitt steigt. Neben Stars aus der Telenovela "Sturm der Liebe" tanzen Augsburger Design-Studenten - Massen- meets Subkultur. Draußen ist dagegen alles ruhig, Obergiesing schläft. Der Alpenplatz, auf dem sich die Giesinger nachmittags sonnen, die Untere und erst recht die Obere Grastraße - sie sind von der Nacht verschluckt. Nur das Puerto Giesing, das schläft nie.

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SZ vom 02.09.2010/anto/tob
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