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Neue Ausstellung:Den Wellen gewogen

Vicky Lardschneider ist in ihrer Malerei vom Meer und seiner Weite inspiriert. Die junge Künstlerin, die 2018 auf einem Containerschiff den Atlantik überquerte, stellt jetzt in Garching aus

Eigentlich sieht sie gerne zu, wie die Farben wandern. Wie sie arbeiten, ineinanderfließen, quasi auf der Leinwand sanft und fast unmerklich ins Wogen kommen. Aber so wichtig ihr es auch ist, den schöpferischen Prozess gleichsam geschehen zu lassen - Vicky Anna Lardschneider greift schon mal ein, wenn Auge und Intuition sie dazu animieren. Da sie keine (teure) Airbrushpistole besitzt, bläst sie dann mit einem Strohhalm auf die Leinwand und bewegt den Farbenfluss in ihrem Sinne. "Das ist manchmal ganz schön anstrengend", sagt sie und lacht. "Vor allem bei den großen Bildern. Gott sie Dank bin ich sportlich."

Die junge Münchner Künstlerin, die an diesem Freitag in Garching zur Vernissage ihrer ersten Einzelausstellung lädt, sucht in ihren Werken generell die Balance zwischen kreativer Kontrolle und bewusster Kontrollaufgabe - sie arbeitet hauptsächlich mit Acrylfarben, mischt aber verschiedene Techniken und Materialien in ihren Stil. Oft bewegt und kippt sie auch die Leinwände, und wenn die Farben trocken sind, strukturiert sie manchmal Details noch mit einem Acrylstift, feine Linienarbeit ist dann gefragt. Inspiriert sind ihre Arbeiten, die jetzt in der Ausstellung "Die Tiefe der seichten Gewässer" zu sehen sind, vor allem vom Wasser - das Meer, die Weite, die Bewegung der Wellen. Blau- und Türkistöne dominieren, oft kombiniert mit flächig schäumendem oder filigran geädertem Weiß.

"Das Wasser ist mein Element", sagt Vicky Anna Lardschneider.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Liebe zum Wasser spiegelt sich in der Biografie Lardschneiders wider. Als Kind war sie oft mit den Eltern am Chiemsee, lernte segeln und gibt auch heute dort noch Kindern Segelunterricht. Zwischendurch war die Münchnerin sechs Jahre weg von ihrer Heimatstadt, studierte Architektur in Innsbruck, arbeitete in Vancouver an der Westküste Kanadas, lebte kurz auf Hawaii und fuhr anschließend von New York nach Spanien 19 Tage auf einem Containerschiff über den Atlantik. Viel zu tun gab es für sie als Gast an Bord nicht, aber langweilig wurde ihr angesichts der großartige Monotonie des Ozeans nicht: "Das war eine der coolsten Sachen, die ich je gemacht habe. Ich kann gut mit mir selber sein. Ich habe stundenlang die Wellen angeschaut." Wenig erstaunlich, dass diese Reise ihre Kunst neu inspiriert hat. "Das Wasser ist mein Element."

Ausgebildet ist Lardschneider eigentlich als Architektin, doch während ihres Studiums in Innsbruck verwirklichte sie schon lieber experimentelle als funktionale Projekte. "Man konnte seine Kreativität dort maximal austesten." So hängt eines ihrer Werke aus dieser Zeit - vier Kantstahlringe, zwischen denen Membrane gespannt sind - in einer Gletscherspalte in Alaska, wie sie erzählt. Ein Projekt, dass auf den Rückzug der Eismassen am Columbia-Gletscher aufmerksam machen will. Das Arbeiten in quasi freier Kreativität befeuerte sie allerdings in der Erkenntnis, dass sie weniger der klassischen Architektur als der bildenden Kunst zuneigte.

Von Freitag an stellt die Künstlerin in Räumlichkeiten am Garchinger Auenweg aus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sie begann nebenher zu malen, zögerte aber lange, ihre Arbeiten öffentlich zu präsentierten. Ein Freund animierte sie, ihre Werke auf Instagram zu zeigen, was zu ersten positiven Resonanzen führte. Nach ihrer Rückkehr nach München im August 2018 galt es erst einmal, Arbeit und Wohnung zu finden. Als letzteres gelungen war, hat sie erst viel in ihrem kleinen Schwabinger Apartment gemalt, was indes nicht unbedingt gesundheitsförderlich war. "Acryldämpfe sind sehr aggressiv." Inzwischen kann sie aber mit einer befreundeten Künstlerin ein Atelier im Botanikum nutzen.

Ihren Job in einem Architekturbüro hat sie im Mai aufgegeben, Lardschneider will als frei schaffende Künstlerin reüssieren. "Ich mache jetzt das, was mich erfüllt." Dass diese Freiheit auch ein Risiko birgt, ist ihr bewusst, und dass man es als Nachwuchskünstlerin im Raum München schwer hat, natürlich auch. In etablierten Galerien auszustellen? Die Chancen sind für eine wie sie erst mal gering. "Bei denen heißt es oft: Bitte ungefragt nichts einschicken." Lardschneider, die inzwischen auch mit Surfboardgestaltern und Fotografen professionell zusammenarbeitet und einige ihrer Motive schon für Surfoutfits erfolgreich anbietet, will sich daher verstärkt des Konzepts "Zwischennutzung" bedienen.

Da der Zugang zu Galerien im Raum München für Newcomerinnen wie Lardschneider schwer ist, sucht sie nach anderen Möglichkeiten, ihre großformatigen Arbeiten zu präsentieren: via Zwischennutzung.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Haus in Garching am Auenweg 11, in dem sie jetzt ausstellt, steht schon seit einiger Zeit leer und wird im September abgerissen. Es gehört einer befreundeten Familie, die es Lardschneider jetzt zur Verfügung gestellt hat. Sie organisiert quasi alles selbst, dazu gehört auch das Suchen und Finden von Sponsoren. "Zu 20 Prozent male ich, zu 80 Prozent mache ich Marketing und Organisation", sagt sie und lacht. Aber Vicky Lardschneider, deren Fingernägel hellblau lackiert sind und die eine Muschelkette von der Hawaii-Insel Kauai um den Hals trägt, wirkt so, als hätte sie genug Power und innere Freiheit, um ihren Weg weiter zu gehen. Sie versucht, sich vielfältig zu präsentieren, demnächst werden zwei ihrer Bilder in einer Galerie in Bristol gezeigt. Von der aktuellen Ausstellung in Garching erhofft sie sich natürlich einen Schub, die Resonanz auf "Die Tiefe der seichten Gewässer" hat mutmaßlich wegweisenden Charakter. Besonders kreativ und individualistisch zu sein, gehört im übrigen zu den Charakteristika ihres Sternzeichens: Lardschneider ist Wassermann.

Die Vernissage ist an diesem Freitag, 5. Juli, in Garching, Auenweg 11, Beginn 19 Uhr. Die Ausstellung dauert bis Ende Juli. Wer sie besuchen will, soll Vicky Lardschneider kontaktieren (0157/ 77 84 18 19) oder v.lardschneider@gmail.com.

© SZ vom 05.07.2019
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