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Neubiberg:Wenn die Parkbank in die Knie geht

Smartphone in Seniorenhand; Smartphone in Seniorenhand

Wenn ältere Menschen ihre Scheu überwinden, kann moderne Technik ihren Alltag erleichtern.

(Foto: Franz-Xaver Fuchs)

Team der Bundeswehr-Universität forscht an einem Informationssystem, das älteren Menschen den Alltag erleichtern soll

Eine Seniorin verlässt das Heim und macht sich mit dem Rollator auf den Weg zum Supermarkt. Am Wegesrand weisen ihr Pfeile aus LEDs eine barrierefreie Route. Am Markt angekommen hat sich das Smartphone der Frau mit einem Bildschirm am Gebäude verbunden, der sie zunächst personalisiert begrüßt und dann in gut lesbaren Buchstaben die Öffnungszeiten nennt. Auf dem Rückweg zeigt ihr ein kleiner Informationsbildschirm an einer Straßenlaterne die Abfahrtszeiten der nächsten Buslinie an.

Was wie eine Szene aus der Zukunft klingt, ist für Michael Koch, Professor für Mensch-Computer-Interaktion an der Bundeswehruniversität in Neubiberg, und sein Team höchst aktuell. Er und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter Anna Kötteritzsch und Julian Fietkau forschen an vernetzten Informationsstrahlern, die auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnitten sind und diese im Alltag unterstützen sollen. Sie sind dabei stets im Gespräch mit den Altenheimbewohnern. Bei den Strahlern handelt es sich um große und kleine interaktive Bildschirme, LED-Leuchten, die Symbole wie Pfeile zeigen, und Lautsprecher, die Tonsignale abgeben können. "Altersbedingte Einschränkungen führen oft dazu, dass Senioren sich zunehmend in ihre eigenen vier Wände zurückziehen", sagt der Professor. "Mit unserer Technik sollen sie ihren Aktionsradius erweitern."

Die Neubiberger Wissenschaftler forschen dabei im Rahmen des Verbund-Projekts "Urban Life+" mehrerer Forschungseinrichtungen und Organisationen unter der Leitung der Universität Hohenheim. So tüfteln Wissenschaftler in Leipzig an adaptiven Straßenlaternen und in Hohenheim an Parkbänken, die sich auf die individuelle Sitzhöhe älterer Menschen einstellen. Bei den Neubibergern liegt der Fokus laut Koch darauf, wie "die Kommunikation mit Maschinen aussehen soll". Alle Ergebnisse fließen in den Prototypen eines smarten Informationssystems ein.

Den Praxisteil koordiniert die Sozial-Holding GmbH der Stadt Mönchengladbach. Daher wird das System auch auf dem Gelände eines Seniorenheims in Mönchengladbach getestet. Ein erster smarter Bildschirm ist gerade in Betrieb genommen worden. Das Projekt wird vom Bundesforschungsministerium gefördert.

Die Idee ist, den Senioren personalisiert Hilfestellung zu geben. Dafür sollen die Informationsstrahler mit einem Account, etwa dem Smartphone, verbunden werden, der mit persönlichen Interessen befüllt ist. "Befüllen müssen nicht die Nutzer selbst, das können auch Verwandte oder Pfleger machen", sagt Koch. Insgesamt setzen die Wissenschaftler auf das "Zwei-Sinne-Prinzip": Menschen mit Seheinschränkungen könnten sie etwa über Sprach- und Tastfunktionen erreichen. Die Forscher tauschen sich stets mit politischen Entscheidungsträgern und sozialen Einrichtungen aus, ob ihre Erkenntnisse auch praxistauglich sind.

Aber sind Senioren überhaupt bereit, sich auf die neue Technik und die Nutzung eines Smartphones einzulassen? Direkte Aussagen zur Akzeptanz haben die Wissenschaftler laut Koch noch nicht, da es aus ihrer Erfahrung nicht sinnvoll ist, Zielgruppen zu befragen, wie ihnen noch nicht existierende Lösungen gefallen würden. Aber sie haben in Interviews und breit angelegten Umfragen in Mönchengladbach erhoben, was die Hauptprobleme der Zielgruppen sind. "Unsere Lösungen - Informationsstrahler, adaptive Beleuchtung, adaptive Parkbänke - sind dann entwickelt worden, um die wichtigsten erhobenen Barrieren zu adressieren", sagt Koch. Die Lösungen würden so gestaltet, dass die Technik in den Hintergrund tritt.