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Neubiberg:Lust auf Ton und Farbe

Die Gruppe Labyrinth fährt einmal im Jahr gemeinsam auf ein Weingut in der Toskana. Die Werke, die dort und in den Ateliers entstanden sind, sind jetzt im Landratsamt zu sehen

Von Franziska Gerlach, Neubiberg

Manchmal, so ist das leider im Leben, verflüchtigt sich die Lust. Dann geht es einem wie dem alten Ehepaar, das Andrea Keinert mit reichlich Sinn für Ironie aus Ton geformt hat. Man sitzt mit hängenden Mundwinkeln nebeneinander auf dem Sofa, und hat sich nichts mehr zu sagen. Hat schlichtweg keine Lust mehr, sich mit den Gedanken des Partners auseinanderzusetzen.

München, Landratsamt, Künstlerqruppe Labyrinth, Vernissage, Foto: Angelika Bardehle

Andrea Keinert arbeitet bei der Vernissage im Landratsamt vor Publikum live an einer Tonskulptur.

(Foto: Angelika Bardehle)

Ansonsten war da aber ganz viel Lust zu spüren, als die Ausstellung der Künstlergruppe Labyrinth im Landratsamt am Mariahilfplatz in München eröffnet hat. "Eine Art Lust" ist die Schau der elf Künstlerinnen und Künstler überschrieben, die sich vor mehr als 30 Jahren bei einem Aquarellkurs an der Volkshochschule Neubiberg kennenlernten und seither regelmäßig gemeinsam ausstellen - in diesem Jahr bereits im französischen Ablon-sur-Seine, einer Partnergemeinde von Neubiberg. Das Landratsamt München zeigt die Arbeiten der Gruppe nun auf mehren Stockwerken: Abstraktes trifft dort auf gegenständlich Gemaltes, das im Fall des 90-jährigen Künstlers Vladimir Vorlicek in seiner Präzision aufs Heftigste mit dem Fotorealismus flirtet - etwa, wenn er sich der Iser widmet, einem Fluss in seiner tschechischen Heimat. "Das ist eine Momentaufnahme, zwar gegenständlich, aber ich versuche auch immer, die Atmosphäre einzufangen", sagt der Architekt. Die mit geometrischer Strenge konzipierten Bilder von Ulrich Beringer bilden wiederum einen deutlichen Gegensatz zu dem "Feuerwerk" von Gisela Jennes - ein Gemälde in warmem Rot, pulsierend wie das Herz eines Schockverliebten. Will man also partout eine Gemeinsamkeit herauslösen aus all dem, dann ist es wohl der freudvolle wie leidenschaftliche Umgang mit Farben, Pinseln und Spachteln. Die Erkenntnis, dass allein der Weg zum Werk Lust bereiten kann.

Eine zwingende Voraussetzung für die Kunst sei die Lust aber nicht, darin seien sich die Mitglieder der Künstlergruppe einig. "Auch aus Frust kann Kunst entstehen", erläuterte Gründungsmitglied Beringer in seiner Eröffnungsrede. Helga Mayer-Böhm aus Hohenbrunn findet die Malerei hin und wieder sogar ziemlich unlustig, wie sie lachend erzählt. Zum Beispiel, wenn sie wie bei ihrem humoristischen Selbstporträt fünf Anläufe braucht, bis es ihr gefällt. Brigitt Storch hat sich in ihrem Atelier in Neubiberg dem Riesenrad am Münchner Ostbahnhof angenommen, und so eine ästhetische Welt erschaffen, in die man sich als Betrachter allerdings nicht so recht hineintraut: Der Weg zum Vergnügen, sich hoch in den Münchner Himmel tragen zu lassen, führt nämlich durch hellgraue Häuserschluchten, die in ihrer Makellosigkeit beinahe steril wirken. Ganz anders Eva Sárosi, die einige abstrakte Arbeiten in Acryl sowie eine Skulptur beigesteuert hat zu dieser sehenswerten Schau. Für die Künstlerin liegen Musik und Lust ganz nah beieinander, wie sie im dritten Stock des Landratsamtes verrät, während die Band zum wiederholten Mal "The Girl from Ipanema" spielt. In Sárosis pastellfarbenen Acrylgemälde feiern schemenhafte Figuren ausgelassen dem Morgen entgegen. Gesichtszüge sind freilich keine zu erkennen. Trotzdem strahlt das Bild tonnenweise gute Laune ab. Und Sonne. Und Wärme. Als wäre es auf jenem idyllischen Weingut in der Toskana entstanden, auf das die Gruppe einmal im Jahr fährt, um gemeinsam kreativ zu sein. "Ein wunderbares Örtchen", schwärmt Sárosi. Die Aufenthalte dort stärkten den Zusammenhalt der Gruppe. Sie strahlt, als sie das sagt.

Andrea Keinert, die an diesem Abend live vor Publikum arbeitet, braucht nur einmal ein Eisenhäkchen, wie es der Zahnarzt verwendet, in die Mundwinkel ihrer beleibten Tonfiguren drücken, schon ändert sich der Gesichtsausdruck von missmutig zu entspannt, von traurig zu fröhlich. Dass Lust für sie viel mit dem Material zu tun hat, das kann sicher jeder nachvollziehen, der einmal einen feuchtkühlen Tonklumpen geknetet hat. Wirklich, pure Lust sei das, sagt Keinert. Und das Beste: "Der Ton macht, was ich will. Wo gibt es das schon?"

Künstlergruppe Labyrinth, "Eine Art Lust", noch bis zum 19. Dezember im Landratsamt, Mariahilfplatz 17, München. Der Eintritt ist frei.

© SZ vom 21.11.2019

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