bedeckt München

Musik:Zwischen Harlem und Haching

Hohenbrunn, Riemerling, Bernd Lhotzky, Pianist, derzeit im Home-Office

Normal hätte Bernd Lhotzky ein Geburtstagskonzert im Oberhachinger Bürgersaal gegeben. Jetzt feiert er daheim in Riemerling.

(Foto: Angelika Bardehle)

Bernd Lhotzky, der diesen Freitag seinen 50. Geburtstag feiert, ist einer der namhaftesten Virtuosen des traditionellen Stride-Piano-Stils. Der vielseitige Künstler organisiert in seiner alten Heimat Oberhaching aber auch kleine, feine Jazzfestivals

Von Udo Watter, Hohenbrunn/Oberhaching

Der Saal, den er einen "Riesengewinn für die Gemeinde" nennt, wird leer sein, die Tasten des Steinway-Flügels, für dessen Anschaffung er sich mit seinem pianistischen Können und als Gründungsmitglied eines Fördervereins leidenschaftlich eingesetzt hatte, werden unberührt bleiben: Das obligatorische Geburtstagskonzert von Bernd Lhotzky im Oberhachinger Bürgersaal beim Forstner am 11. Dezember fällt heuer aus - natürlich. "Es hat immer wahnsinnig Spaß gemacht", sagt der in Oberhaching aufgewachsene Jazzpianist, der mittlerweile im Hohenbrunner Gemeindeteil Riemerling wohnt. Dass er - den pandemiebedingten Einschränkungen geschuldet - zum ersten Mal seit vielen Jahren an diesem Tag nicht öffentlich auftritt, mit anderen Musikerkollegen mitreißend improvisiert und die Resonanz des Publikums genießen kann, stürzt Lhotzky aber keinesfalls in Tristesse. Es wird statt dessen eine kleine, einfache Feier im Kreise der Familie werden, auf die sich der dreifache Vater sehr freut. Ein runder Geburtstag quasi im Zeichen der Entschleunigung: Bernd Lhotzky wird an diesem Freitag 50 Jahre alt.

Überhaupt zeigt der 1970 in Tegernsee geborene Musiker, Sohn deutsch-französischer Eltern, wenig Neigung, über dieses merkwürdige Jahr elegische oder gar larmoyante Klänge anzustimmen. Im Gegenteil. "Ich habe super Massel gehabt", sagt er frei Schnauze. Um dann gleich - in Anlehnung an den von ihm geschätzten Song "Cockeyed Optimist" aus dem Film "South Pacific" - poetischer zu präzisieren: "Ich bin mit dem Glück eines schielenden Optimisten durchs Jahr gekommen." Klar hat der nun 50-Jährige, der 2008 von der SZ mit dem Tassilo-Kulturpreis ausgezeichnet wurde und sowohl als Solokünstler wie als Mitglied der Echoes of Swing diverse international wichtige Jazz-Awards gewonnen hat, auch mit zahlreichen Konzertabsagen leben müssen. Er hat aber zum einen im Sommer dafür auch einige größere Auftritte hinlegen können, unter anderem in Österreich und der Schweiz, teils vor vollen Häusern. Zum anderen war er gar nicht so undankbar, dass zahlreiche Vorstellungen mit den Echoes of Swing ausfielen, zumal er und die anderen Bandmitglieder nach gut 20 Jahren mit vielen strapazierenden Tourneen ohnehin geplant hatten, es 2020 ruhiger angehen zu lassen.

Dass er und seine Frau Isabel Lhotzky, die klassische Pianistin ist und wie ihr Mann kleine, feine Festivals (oft mit großartigen Gaststars) für das Oberhachinger Kulturprogramm organisiert, sich finanziell etwas bescheiden mussten, war daher verschmerzbar. Nicht zuletzt die Freiheit von vielen Terminen ermöglichte die Geburt, Forcierung und Realisierung anderer Projekte für Bernd Lhotzky. Der Oberhachinger, der zu den weltweit wenigen Virtuosen gehört, die die technisch hochanspruchsvolle Form des Stride-Piano aus der Frühzeit des Jazz beherrschen, hat viel komponiert, an CD-Projekten mit anderen interessanten Künstlern mitgewirkt und gleichsam eine neue Band auf die Beine gestellt, die bald die Echoes of Swing ablösen dürfte: Because of Swing heißt die und neben anderen Echoes-Mitgliedern wie Oliver Mewes (Drums) oder Colin Dawson (Trompete) sind dort weitere namhafte Musiker wie Saxofonist Claus Koch, Henning Gailing (Bass) und Sängerin Nona Plotzki versammelt. Die Band konzentriert sich verstärkt auf Classic Jazz unter der Maxime "Rhythm & Romance".

Diverse Videos wurden bereits gedreht, und zudem wird sich eine spezielle Duo-Zusammenarbeit ergeben unter dem Namen "Lhotzky/Plotzky (die Sängerin verzichtet hier auf ihr "i"). Rhythmus und Romantik sind gleichsam auch die sinnlichen Parameter für ein anderes Projekt Lhotzkys, das er heuer in die Wege geleitet hat und das baldmöglichst realisiert werden soll: Er hat diverse Sonette von Shakespeare vertont, die Worte des englischen Dichters mit einfachen, farbenreichen, an John Dowland gemahnende Klängen unterlegt, geschrieben für Gitarre und Bratsche. Oft geht es um Liebe, Vergänglichkeit, Außenseitertum und Erlösung aus dem Schmerz durch die Liebe ("When in disgrace with fortune and men's eyes" beginnt etwa das vertonte Sonett 29).

Die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr, mit der Lhotzky schon bei anderen Projekten zusammengearbeitet hat, wird den poetischen Worten ihre rau-charakteristische Stimme leihen ("Sie singt so gut", schwärmt Lhotzky) und das renommierte Weltmusik- und Jazz-Ensemble Quadro Nuevo seinen lässig rhythmisierten Sound dazu legen. Mit Quadro-Nuevo-Saxofonist Mulo Francel verbindet Lhotzky eine engere musikalische Freundschaft, seit der 2016 bei einem CD-Projekt der Echoes of Swing ("Bix - A Tribut to Bix Beiderbecke") mitgewirkt hat. In diesem Jahr 2020 wiederum hat sich Lhotzky bei dem von Francel initiierten großartigen Album "Crossing Life Lines" als Arrangeur und Pianist eingebracht. "Die Arbeit war so relaxed und cool", sagt der gebürtige Tegernseer über die Aufnahmen. Lhotzky, der angenehm uneitel und zurückhaltend wirkt, aber zugleich sehr viel Energie und Ehrgeiz in sich trägt und bei Bedarf auch beeindruckende Entertainment-Qualitäten hat, strahlt überhaupt die Eigenschaft des zugewandten Jazzers aus, der seine kreative Kraft und virtuose Leichtigkeit am besten in der Jam-Session mit anderen entfaltet. Bernd Lhotzky hat nicht nur mit den Echoes of Swing in großen Häusern wie der Elbphilharmonie oder der Berliner Philharmonie gespielt (aber natürlich immer wieder auch in kleineren Jazzkellern), sondern ist auch als Solokünstler und Meister des klassischen Jazz Piano international gefragt - in den USA, wo er etwa auch mit Dick Hyman zusammenarbeitete, oder in Frankreich.

Gleichwohl ist Lhotzky verwurzelt in der Region. "Ich lebe gern hier und wollte nie wirklich weg." Gerade in der alten Heimat Oberhaching hat er mit der Organisation von Jazz-Festivals inklusive internationaler Gaststars viel zum kulturellen Leben beigetragen - lange vor dem Bau des Bürgersaals hat er in der Schulaula Sitzkissen zu den Konzerten dort ausgelegt und später auch in der Bibliothek Veranstaltungen realisiert.

Mit dem Klavierspielen hat Lhotzky schon früh begonnen und auch der Swing hat ihn in jungen Jahren gepackt. Ein Konzert, bei dem der Stride-Piano-Meister Dick Wellstood spielte und das Lhotzky als Neunjähriger hörte sowie Platten von Fats Waller trieben ihn diesem federnd-humorvollen Stil, der im Zuge der "Harlem Renaissance" auch eine Antwort schwarzer Musiker von der Ostküste auf die europäische Kunstmusik war, in die Arme. Ein Onkel in Paris, der eine riesige Plattensammlung hatte, befeuerte diese Leidenschaft. Mit 17 Jahren wurde der Jungpianist am Münchner Konservatorium aufgenommen. Klassisches Repertoire beherrschte er mit Mitte zwanzig, er studierte zudem Komposition, aber die große Liebe galt immer dem traditionellen Jazz-Piano. "Und die hat sich gehalten" sagt Lhotzky.

Die große Liebe galt freilich auch einer Pianistin. Isabel Lhotzky, die ebenfalls im Landkreissüden aufwuchs, und er kannten sich in jungen Jahren - beide hatten schon als sechs-, siebenjährige Kinder denselben Klavierlehrer, spielten auch auf denselben Wettbewerben. Die Chemie stimmte damals wohl schon, später verlor man sich zwar ein wenig aus den Augen, aber als sich die zwei auf Schloss Elmau, wo Bernd Lhotzky auch mal ein Swing-Festival organisierte, wieder trafen, ging das freundschaftliche Präludium quasi über in die romantische Ballade inklusive Nocturne. Sie heirateten 1998. An einem 11. Dezember. Lhotzkys Geburtstag.

© SZ vom 11.12.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema