Landkreis:Am Ball

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Wenn unterschiedliche Welten aufeinanderprallen, ist das oft eine interessante Erfahrung für beide Seiten. Sportliche Aktivitäten sind auf jeden Fall ein starker Berührungspunkt und eine Chance, sich gegenseitig kennenzulernen. In vielen Gemeinden findet Integration auf unterschiedlichen Ebenen statt, wie einige Beispiele zeigen

Seit Monaten schon beschäftigt das Thema Flüchtlinge den Landkreis. Wie die Bewohner des Landkreises mit ihren neuen Nachbarn umgehen, wie das Zusammenleben funktioniert und wie sich die unterschiedlichen Kulturen annähern, das zeigt ein Blick in einzelne Gemeinden mit den ganz besonderen Erlebnissen Einzelner.

Feldkirchen

Im Dezember 2014 bezogen zwölf Asylbewerber das VHS-Gebäude in Feldkirchen. Inzwischen, mehr als ein halbes Jahr später, hat sich vieles geändert - und die jungen Männer sind Teil der Gemeinde geworden. Damals konnte keiner von ihnen Deutsch, zwei waren Analphabeten. Heute haben alle erhebliche Fortschritte gemacht, besonders die Analphabeten können nun schreiben, beherrschen das Alphabet und besuchen seit April ihren ersten Deutschkurs. Neben zahlreichen Ausflügen mit Feldkirchner Bürgern helfen die Männer seit dem Osterferienprogramm ehrenamtlich beim Kindersport im TSV mit. "Sie machen das sehr gern", sagt Michaela Strathmann, Leiterin des örtlichen Asylhelferkreises, über die Flüchtlinge. "Und die Kinder finden sie super." Inzwischen kennen die Kinder all ihre Namen und freuen sich, wenn sie die jungen Männer auf der Straße treffen, erzählt Strathmann. "Sie freuen sich einfach über jemanden, der mit ihnen Fußball spielt - und dann ist es egal, ob er schwarz oder weiß ist."

Haar

Mancher nimmt in Haar den formalen Weg, mancher legt einfach los. Peter Schießl wahrte jedenfalls ganz streng die Form und brachte am Ende der Gemeinderatssitzung in der Bürgerviertelstunde den Vorschlag zur Sprache, die Gemeinde könnte doch den in der VHS-Turnhalle untergebrachten Flüchtlingen am Nachmittag den Zutritt zu den Sportanlagen der benachbarten Schulen gewähren. Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) fand die Idee klasse, pflichtete bei und ließ alles in die Wege leiten, damit die jungen Männer auf den Plätzen sporteln können. Sie schlug Peter Schießl, ihrem Mann, diesen Wunsch vor dem versammelten Plenum nicht ab. Sie hätte es wohl auch nicht getan, hätte er diesen zu Hause am Küchentisch vorgetragen. Oft wird in Haar das Sinnvolle und Naheliegende einfach gemacht. So hat die Gemeinde Ali Ahrar eine Ausbildung zum Bademeister ermöglich, auch weil sie selbst lange vergeblich einen Lehrling für diese Aufgabe suchte. Ganz aktuell hat der 23-jähriger Somalier Abdifatah Mohamed Ducaale ein Schnupperpraktikum am Bauhof begonnen, um danach den Arbeitern zur Seite zu stehen. Seine Unterstützer, Christine Hopf mit ihrem Mann, Marianne Mück und andere aus dem Helferkreis, stehen seit Wochen dem Flüchtling zur Seite, der alles unternimmt, um hier Fuß zu fassen. Er suchte sich selbst eine Schule in München, an der er einen Hauptschulabschluss machen kann, er lernte mit seinen Helfern für die Aufnahmeprüfung der Schule und steht jetzt dort auf der Warteliste. "Er ist ein positiver Typ", sagt Hopf, "er tut alles für die Integration." Ein Teil von Haar sind mittlerweile die Somalierinnen in ihren bunten Festgewändern, die bei Kulturveranstaltungen wie zuletzt der Nacht der Chöre im Publikum sitzen. Der Kulturverein und die Bürgerstiftung spendieren Freikarten. Und Mück holt die Frauen persönlich zum Konzert ab. Ausgehfertig sind diese in einer Minute, das hat Mück schon mitgekriegt. Kurz den Lippenstift zur Hand, und ein buntes Tuch umgelegt, fertig. Eine Augenweide, findet Mück. "Das ist ein sehr schönes Auftreten, da werden die Bürger aufmerksam."

Kirchheim

Voll ins Gemeindeleben integriert sind vier Flüchtlinge in Kirchheim. Sie arbeiten in der Essensausgabe in der Mittelschule oder beim Bauhof. Ihr Arbeitgeber ist die Gemeinde. Albert Diop (Name geändert) kommt aus Senegal und ist sehr glücklich darüber, dass er 15 Stunden die Woche für den Bauhof arbeiten kann: "Dann muss ich nicht nur die meiste Zeit rumsitzen, sondern kann auch was tun." Seine Aufgaben sind vielfältig, zum Beispiel Hecken schneiden, Kirchheim sauber halten und allerlei Schweißarbeiten erledigen, was dem gelernten Schweißer besonders gut gefällt. "Im Bauhof sind wir eine große Familie. Es macht wirklich Spaß, mit meinen Kollegen zu arbeiten. Hier in Kirchheim sind sowieso alle sehr offen und wenn ich ein Problem habe, kann ich immer ins Rathaus oder zum Helferkreis Asyl gehen und mir wird geholfen", sagt Diop.

Er hat einen dreijährigen Arbeitsvertrag. Ob er den auch erfüllen kann, ist unklar, denn Flüchtlinge aus sicheren Ländern, wie Senegal, dürfen in Bayern von April 2016 an nicht mehr arbeiten. "Das wäre sehr schade, denn ich mag es, aus der Unterkunft herauszukommen. Am liebsten würde ich jeden Tag zum Bauhof gehen", erzählt der 30-Jährige. Auch die Gemeinde ist froh, dass sie vier der circa 60 aufgenommenen Flüchtlinge auf 450-Euro-Basis beschäftigen kann. Die Idee kam vom Helferkreis Asyl, erzählt Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU): "Der Helferkreis ist auf uns zugekommen und hat uns gebeten, ihnen Bescheid zu sagen, wenn Firmen solche Stellen anbieten. Das haben wir zum Anlass genommen, selbst Flüchtlingen Arbeit anzubieten." Mehr als vier Teilzeitstellen kann sich die Gemeinde momentan aber nicht leisten. Obwohl die Asylbewerber eine große Hilfe sind. "Die Flüchtlinge sind unglaublich fleißig und bei der Arbeit kaum zu bremsen. Ich glaube auch, dass Arbeit die beste Art der Integration ist. Mit ihren Kollegen reden die Flüchtlinge meistens Deutsch und lernen über sie Kultur und Gemeinde kennen."

Ismaning

Dass sich die Asylsuchenden im Ort tatkräftig ins Gemeindeleben einbringen, hat sich in Ismaning bereits eingespielt. Vor allem die jungen Männer aus Eritrea, die schon seit dem vergangenen Herbst in der Gemeinde leben, hatten diesen Wunsch immer wieder selbst geäußert. Heute sind sie als "Helfende Hände" unterwegs und bringen sich etwa bei der Straßen-Kleidersammlung der Kolpingfamilie ein, übernehmen Hilfsdienste bei der Nachbarschaftshilfe oder engagierten sich beim Frühjahrsputz des Tennisklubs. Wer sich schon in der Gemeinde auskennt, ist außerdem als Kulturbotschafter und Dolmetscher gefragt: Die alteingesessenen Asylbewerber klären Neuankömmlinge auf über Behördenformalitäten und das Leben in Ismaning. Wer gut Englisch spricht, begleite andere Asylsuchende zu Ärzten, erklärt Yvonne Meininger, Koordinatorin des Helferkreises: "Diese Hilfe ist für uns unglaublich wertvoll, ohne diese Dolmetscherdienste wären wir oft völlig aufgeschmissen." Neben den Eritreern sind mittlerweile Menschen aus mehr als zehn Nationen in Ismaning angekommen

Aschheim

Eine geschenkte Nähmaschine und seine Kreativität reichen dem 24 Jahre alte Soileymane, um in Mode zu machen. Der Senegalese entwirft im Dornacher Asylbewerberheim aus geschenkten Stoffen Kleider für Mitbewohner und Ehrenamtliche. Soileymane war in seiner Heimat Schneider. Einen Haken hat die Sache allerdings: Die geschenkten Stoffe sind häufig nicht sehr exquisit. Da ein Asylbewerber per Gesetz nun einmal nichts erwirtschaften darf, wird sich an der Qualität der Stoffe wohl auch nichts ändern. Der Senegalese aber lässt sich davon nicht entmutigen. So ist Birgitt Olympio vom Asylhelferkreis Aschheim Besitzerin eines neuen schwarzen Kleides: mit knallpinken, grünen und blauen Blümchen, die ähnlich filigran sind wie die auf Pril-Flaschen. Immerhin: "Das Kostüm passt wie angegossen", sagt Olympio.

Neubiberg

Bei der Hilfe für Flüchtlinge ist die Ideenflut in Neubiberg schier unbegrenzt. Besonders jetzt, wo bald eine Traglufthalle für rund 250 Flüchtlinge eröffnet wird. "Spontane Angebote bekomme ich zurzeit reichlich", sagt Norbert Büker, Koordinator des Helferkreises Asyl. Eine Kunstlehrerin etwa rief an und schlug vor, Malkurse für die Flüchtlingskinder zu geben. Eine andere Frau, die im Bereich Kinderbetreuung tätig ist, hatte die Idee, in der Halle Kitaplätze zu schaffen. "Das entlastet die Mütter mit kleinen Kindern", sagt Büker. Auch Vereine hätten sich an ihn gewandt, mit dem Helferkreis zusammenarbeiten zu wollen. Etwa, Flüchtlinge zu einem Fußballturnier einzuladen. Ein konkretes Beispiel für besonders gelungene Integrationshilfe will Büker gar nicht herauspicken. Er freut sich vielmehr: "Wir haben einen enormen Zulauf an Menschen, die helfen wollen." Seit bekannt ist, dass die Traglufthalle kommt, hat sich die Zahl der Helfer von 40 auf mehr als 100 erhöht.

Unterhaching/Taufkirchen

Beim Unterhachinger Helferkreis war recht schnell klar: Das Fahrrad ist für die Asylsuchenden im Alltag ein wichtiges Verkehrsmittel, der Wunsch daher verständlich. Also rief der Helferkreis eine Radlerwerkstatt ins Leben. Ein Team von Hobby-Fahrradmechanikern im Alter zwischen zwölf und 74 Jahren haben sich so zusammengefunden, um die von der Bevölkerung gespendeten Fahrräder wieder flott zu machen und sie den Asylbewerber für etwa 20 Euro zu Verfügung zu stellen. Dieser Preis entspricht meist den Kosten für die benötigten Ersatzteile, die manchmal auch vom Wertstoffhof stammen. Ein Asylbewerber ist bereits Mitglied der Fahrradwerkstatt. Er erledigt kleinere Reparaturen und dient als Ansprechpartner. Auch in Taufkirchen will der Helferkreis den Asylbewerbern Mobilität mit Fahrrädern verschaffen. Im Keller des Ritter-Hilprand-Hofs lagern jede Menge Räder, die bei der letzten Versteigerung der Gemeinde übrig geblieben sind, mit ein paar Reparaturen aber wieder fahrtüchtig gemacht werden können. Gemeinsam mit den Flüchtlingen schrauben die Helfer inzwischen an den Fahrrädern, "die Radl-Werkstatt kommt sehr gut voran", meldet der dortige Helferkreis.

Hohenbrunn

Stolz auf ihr Seepferdchen-Abzeichen können seit kurzem acht Flüchtlingskinder in Riemerling sein. Dank der Unterstützung des örtlichen Helferkreises Asyl bekamen die Kinder die Möglichkeit, an einem Schwimmkurs mit zehn Einheiten teilzunehmen. Die Teilnehmer kamen aus Riemerling und dem benachbarten Ottobrunn. Ein vierköpfiges Team der "Riemerlinger Haie" leitete den Kurs. In Zukunft wird auch Putzbrunn in das Angebot integriert werden. Dabei hatten die Kinder nicht nur Spaß im kühlen Nass, sondern lernten auch lebensrettende Fähigkeiten, um sich über Wasser halten zu können. "Die Haie boten das an", sagt Diakon Karl Stocker, der zwei Helferkreise betreut. Da die Zahl an Interessierten wächst, wird es auch in Zukunft weitere Schwimmkurse geben.

Oberhaching

Bei der Consulting-Firma am Oberhachinger Bajuwarenring ist der Namen offenbar Programm. Eigentlich ist die Hilf!-GmbH spezialisiert auf Schulungen und Beratung im Software-Bereich, doch bei einer Informationsveranstaltung über die geplante Traglufthalle am Bajuwarenring bot dessen Geschäftsführer spontan eine ganz andere Hilfe an. Unsere Schulungsräume, sagte er zu Bürgermeister Stefan Schelle und Landrat Christoph Göbel (beide CSU) könnte seine Firma für den Sprachunterricht der Asylbewerber zur Verfügung stellen. Auch Computer hätte er noch einige übrig. Landrat Göbel fand das Angebot sehr interessant. Zumal der Kreis das Sprachtraining am Computer vermehrt einsetzen möchte und dabei sei, eine feste Kooperation mit einer Firma im Würmtal einzugehen, die ein spezielles Sprachtraining am Computer entwickelt hat.

Grasbrunn

Gefahren aus dem Wald fürchteten Flüchtlinge auf einer Autofahrt mit Mitgliedern des Helferkreises Grasbrunn-Vaterstetten. "Wir haben zurückgefragt, warum wir Angst haben sollten. Weil es doch Löwen und Tiger gebe, haben sie da gesagt", berichtet Renate Grunow, Gesamtkoordinatorin des Helferkreises. Ein weiterer Mann habe Angst vor Elefanten im Landkreis gehabt. Über eine zu niedrige Mitgliederzahl kann sich der Helferkreis theoretisch nicht beschweren, in der Praxis dagegen schon. 230 Interessierte haben sich in die Liste eingetragen, doch nur ein Bruchteil davon ist aktiv. "Wir müssen die schlafenden Helfer immer wachküssen", sagt Grunow. Und aktives Helfen ist dringend nötig. Ein Flüchtlingspärchen sei jeweils wegen Hals- und Magenschmerzen zum Arzt gegangen. Doch der begleitende Helfer harrte im Wartezimmer aus und die beiden Flüchtlinge verstanden den Arzt nicht richtig. So nahmen die Patienten die Medikamente des jeweils anderen und spürten eine Woche lang keine Verbesserung. Nun sind sie jedoch wohlauf und der Helferkreis freut sich weiterhin über alle aktiven Helfer.

Putzbrunn/Ottobrunn

Zurzeit spürt Karl Stocker wieder eine große Welle der Barmherzigkeit. "Viele Leute melden sich und fragen, wie sie helfen können", sagt der Leiter des Asylhelferkreises Putzbrunn-Ottobrunn. Allerdings spürt der Diakon auch, dass die aktuellen Nachrichten die Bevölkerung durchaus spalten. "Die einen bekommen immer mehr Angst, dass wir von der Flüchtlingswelle überrollt werden und äußern sich deshalb kritisch. Die anderen sind um so mehr der Meinung, dass man bedrohten Menschen helfen muss." Die Integration in den Gemeinden schreitet immer mehr voran. Rony Goliana nennt Stocker augenzwinkernd seinen "Vorzeige-Asylbewerber". Der 27 Jahre alte Syrer lebt seit zwei Jahren bei einer Witwe in deren Privathaus in Ottobrunn, er hat einen Job, spricht mittlerweile gut Deutsch und hat bereits soziale Kontakte geknüpft. Die beste Nachricht erreichte Rony vor kurzem: Seine Eltern sind mittlerweile ebenfalls in Deutschland angekommen. "Rony ist unheimlich glücklich darüber", sagt Stocker.

Und auch aus Putzbrunn kann der Leiter des Helferkreises eine tröstliche Geschichte erzählen: Adnan Bilasini, der als Jeside mit Frau und vier Kindern aus dem Nordirak vor dem Islamischen Staat (IS) flüchtete, zuletzt im Pfarrhaus von St. Stephan wohnte und mittlerweile als Flüchtling anerkannt ist, hat nun eine feste Bleibe gefunden: In Oldenburg leben Verwandte der Familie, am ersten Augustwochenende sind die Bilasinis in den hohen Norden umgezogen.

Garching

Was tun, wenn eine lange und gut vorbereitete englischsprachige Führung für Flüchtlinge durch die Bücherei ansteht, aber niemand kommt? Ingrid Stanglmeier, Koordinatorin des Garchinger Helferkreises und Ulrike Natar von der Bücherei fackelten nicht lange. Sie packten zwei Kisten mit englischsprachigen Büchern in Tüten um, hängten sie ans Fahrrad und fuhren damit zur Unterkunft am Echinger Weg. Dort stehen sie jetzt im Regal, das Stanglmeier als "unsere Asylothek" bezeichnet, die auch genutzt werde.

"Die Flüchtlinge haben sich schon gefreut, da ist eine große Wertschätzung da." Und die Kleinen liebten die meist deutschen Bilderbücher, was auch helfe, die Sprache zu lernen. "Ich hoffe, das Pflänzchen geht auf und die Leute kommen demnächst doch noch in die Bücherei", sagt Stanglmeier.

Wer Interesse hat, sich ehrenamtlich zu engagieren: Kontaktdaten hat das Landratsamt, im Internet unter www.landkreis-muenchen.de/familie-gesellschaft-gesundheit-soziales/asyl/fluechtlinge-ehrenamtlich-begleiten/

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