Kreis und Quer:Im antizyklischen Exklusiv-Lockdown

Ferien und dann Regen und Quarantäne? Was Schüler aus Unterhaching und Unterföhring derzeit erleben, kann auch seinen speziellen Reiz haben

Kolumne von Udo Watter

Neben der Schadenfreude gilt die Vorfreude als schönste ihrer Art. Ende Juli hat die in Bayern in vielen Familien Hochkonjunktur, weil der Urlaub immer näher rückt. "Ich möchte noch heute den Totenschädel des Mannes streicheln, der die Ferien erfunden hat", schrieb Jean Paul.

Ja, die Perspektive auf Luftveränderung, Freiheit von Verpflichtungen, einfach den Ernst des Lebens, der eh von humorlosen Strebern erfunden worden ist, hinter sich lassen - das lässt die Seele doch Saltos schlagen. Und dann - zack! - wird die ersehnte sechswöchige Wirklichkeitspause von einem Absolutismus der Wirklichkeit überwältigt, der einen fies in die eigenen vier Wände verbannt.

Für die Schüler aus Unterhaching, Unterföhring, Unterschleißheim und anderen Orten, die derzeit in Quarantäne sind, weil es in der letzten Woche vor den Sommerferien in ihren Klassen positive Corona-Tests gab, ist dieser Härtefall eingetreten. Sie müssen zu Hause bleiben, kein Test kann sie davor bewahren. Ihre reale Bewegungsfreiheit ist massiv eingeschränkt und das kann auch die digitale nicht komplett kompensieren. Gibt es in dieser Situation, die zudem die ganze Familie betrifft, einen Vorteil zu entdecken?

Zyniker könnten sagen, immerhin hat man sich den Anblick verstopfter Autobahnen, langer Schlangen am Flughafen, oder brutzelnder, vom Lockdown gewölbter Bäuche an überfüllten Stränden erspart. Antizyklisch reisen gilt ja als schlau. Und wenn man als Schüler schon a priori nicht die Chance hat, antizyklisch zu reisen, so kann man eben diesmal antizyklisch daheim bleiben. Wer will schon als Adabei an der Adria sonnenbaden, wenn er sich im Starkregen der Münchner Schotterebene duschen kann?

Ein Problem dabei: Quarantäne bedeutet, dass man auch die landschaftliche Schönheit vor der Haustüre nicht genießen kann, weil man offiziell diese Haustür zwei Wochen lang gar nicht mehr öffnen soll - oder zumindest den heimischen Kosmos nicht verlassen darf. Sich den erzwungenen Rückzug in die Isolation als Exklusiv-Lockdown schön zu reden, als Möglichkeit, dem ganzen Freizeitstress zu entkommen, dürfte auch nur gelingen, wenn man zu extremen Sarkasmus sich selbst gegenüber fähig ist.

Was also tun? Sollen die Quarantäne-Kinder den Eltern beim Rasenmähen helfen, staubsaugen oder mit zerschnittenen FFP2-Masken Schattentheater machen? Sich gelangweilt freuen, dass sie in ihrem Zimmer nicht voll geregnet werden? Nicht mal am Isarufer oder im Perlacher Forst, die ja für sie Sperrgebiet sind. Wahrscheinlich hilft es, wenn man schon nicht nach Italien kann, sich in der dort so kultivierten Kunst des Improvisierens zu üben, um über diese Wochen zu kommen. Gemeinsam. Und zudem dürfte sich die Kraft der Vorfreude bald von neuem und stärker zeigen, wenn die Quarantäne zu Ende geht. Andere haben da den Höhepunkt der Ferien vielleicht bereits hinter sich, auf die Zwangs-Daheimgebliebenen warten die Gipfel eventuell noch.

© SZ vom 07.08.2021
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