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Konzerte im Münchner Backstage:Problematische Patrioten

Sie singen vom "Heimatland" und "stolzen Söhnen": Im Münchner Backstage ist die umstrittene Band "Frei.Wild" aufgetreten. Nicht zum ersten Mal bietet der Klub Bands eine Bühne, die auch in der rechtsextremen Szene Anhänger haben.

Die Musik steht an diesem Abend nicht im Vordergrund. Vielen Konzertbesuchern hier geht es um die Gemeinschaft. Bereits Stunden vor dem Auftritt der Südtiroler Band Frei.Wild drängen sich die Besucher im Backstage. Das Publikum ist überwiegend männlich. Viele tragen schwarze T-Shirts der Band mit Sinnsprüchen, die von Kameradschaft und wahren Freunden handeln.

Backstage in München, 2010

Das Kultur- und Veranstaltungszentrum Backstage in München: Immer wieder sorgt Geschäftsführer Hans-Georg Stocker für Aufregung, weil er umstrittene Bands auftreten lässt.

(Foto: Robert Haas)

Die Bayern und die Südtiroler haben etwas gemeinsam, begrüßt Frei.Wild-Sänger Philipp Burger seine Münchner Fans: "Wir sind alle Patrioten." Dann stimmt er die ersten Takte des Lieds Südtirol an. Mehr braucht es nicht. Das Publikum singt lautstark mit.

Frei.Wild ist zurzeit eine der erfolgreichsten Bands im Bereich des Deutschrock. Sänger Philipp Burger war 2008 Mitglied des rechtspopulistischen Südtiroler FPÖ-Ablegers "Die Freiheitlichen". Seither distanziert sich die Band zwar in Interviews und Songtexten von jeglicher Form des politischen Extremismus. In ihren Liedern aber betont die Band immer wieder ihre patriotische Haltung, womit sie auch bei Fans im rechtsextremen Spektrum gut ankommt, wie diese in einschlägigen Foren kundtun.

Im Münchner Backstage, das den Ruf eines linksalternativen Klubs hat, stehen die Besucher am Samstagabend dicht gedrängt und singen vom "schönsten Land der Welt", von "stolzen Söhnen" und von den Feinden, die "in der Hölle schmoren sollen". Es ist der Abend, nachdem Neonazis zu einem "Heldengedenken" durch die Münchner Innenstadt aufgerufen hatten. Und es ist der Vorabend des Volkstrauertags.

Da hätte man als Veranstalter mehr Sensibiltät beweisen müssen, Lydia Dietrich, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Münchner Stadtrat. "In München stellen sich Tausende Bürger gegen den Neonazi-Aufmarsch auf die Straße und dann tritt am Abend eine Band auf, die sich zumindest nicht eindeutig von rechtsextremen Gedankengut distanziert", sagt sie. "Ich kann nur hoffen, dass das Zufall war." Dietrich sagt, sie vermisse eine ganz klare, öffentliche Stellungnahme der Band zu ihrer Vergangenheit.

Ganz anders argumentiert Backstage-Geschäftsführer Hans-Georg Stocker, der tagsüber selbst an der Demonstration gegen das neonazistische Heldengedenken teilgenommen hatte. "Das Konzert steht in keinem Zusammenhang mit dem Volkstrauertag und schon gar nicht mit dem Neonazi-Aufmarsch." Der Termin sei lange geplant gewesen, noch bevor überhaupt klar war, dass an diesem Tag Rechtsextreme einen Aufmarsch planten. "Den Tour-Termin konnte man nicht einfach verschieben." Stocker selbst hält die Distanzierungen der Band sowie des Sängers von seiner Vergangenheit für ausreichend. Bei den Bandmitgliedern handle es sich um keine politischen Aktivisten. "Die wollen nur Musik machen."

"Einfach nur Panne"

Trotzdem nimmt der Sänger an diesem Abend auf der Bühne Stellung zum Demonstrationsgeschehen in der Münchner Innenstadt: Die Aktion der Neonazis habe er "lasch" gefunden, sagt er. Allerdings schiebt er gleich hinterher, dass die Gegendemonstranten in seinen Augen nicht minder "lasch" gewesen seien. Sein Fazit: "Beide Seiten sind einfach nur Panne."

Auch wenn Burger damit den Neonazi-Aufmarsch beleidigt - anschlussfähig für die rechtsextreme Szene scheint seine Band Frei.Wild dennoch zu sein, und zwar über den härteren Deutschrock und über Schlüsselbegriffe wie die Liebe zur Heimat. So schreibt ein Nutzer in einem rechtsextremen Forum: "Wir können (...) froh sein, dass es solche Bands gibt, die dadurch sehr viele Leute ansprechen und patriotisches Gedankengut vermitteln, ohne dass sie sofort an Hitler oder das Dritte Reich erinnert werden."

Es ist nicht das erste Mal, dass im Backstage Bands auftreten, die im Verdacht stehen, auch in der rechtsextremen Szene Fans anzuziehen. Vor wenigen Wochen etwa spielte die Death Metal Band Minas Morgul, die sich in ihren Texten an die germanische Mythenwelt anlehnt und deshalb auch Anhängerschaft in der rechtsextremen Szene hat. Ähnlich verhält es sich mit der Pagan-Metal-Band Varg, die im Oktober in dem Klub auftrat. Auch deren Texte finden Anklang bei Rechtsextremen, die Bezug zum Neuheidentum haben. In einschlägigen Foren tauchen die Namen der Bands immer wieder unter der Liste der Lieblingslieder der Nutzer auf.

Ein Vertreter des Jugendkulturwerks der Stadt München bestätigt, dass es diesbezüglich Gespräche mit Backstage-Betreiber Stocker gebe: "Wir weisen ihn auf Bands hin, die wir als problematisch erachten." Letztendlich bleibe es aber die Entscheidung des Veranstalters, ob er solche Bands auftreten lasse.

Stocker selbst wehrt sich vehement gegen Anschuldigungen, wonach er der rechtsextremen Szene eine Plattform bieten würde: "Ausgerechnet wir, der Laden also, der sich seit 20 Jahren politisch gegen rechts engagiert - solche Vorwürfe sind heuchlerisch", sagt er. Er verweist auf Schilder in seinem Klub, auf denen ein durchgestrichenes Hakenkreuz zu sehen ist in Kombination mit dem Schriftzug "Fuck off Nazis". Zudem gebe es am Einlass strikte Kontrollen. "Wer Thor-Steinar-Klamotten trägt, kommt nicht rein." Und: "Bei Faschisten bin ich intolerant."

Tatsächlich dürfte das Publikum, das sich am Samstagabend zum Frei.Wild-Konzert im Münchner Backstage eingefunden hat, zum Großteil unpolitisch sein. Es finden sich denn auch kuriose Sympathiebekundungen: Einer der jungen Konzertbesucher kombiniert sein Böhse-Onkelz-Shirt mit einem Ché-Guevara-Button. Stocker sagt, es gehe ihm bei solchen Konzerten auch darum, die Jugend abzuholen. "Wir haben unsere Standpunkte, wir bilden Freiräume und da gibt es auch Grauzonen", sagt er. Es sei ihm wichtig, sein Publikum nicht in eine Ecke zu stellen, keine Ghettoisierung zu betreiben.

Grünen-Politikerin Dietrich indes vermutet andere Motive: "Ich habe ihn mehrfach auf seine Verantwortung gegenüber seinem jugendlichen Publikum hingewiesen", sagt sie. "Inzwischen muss ich ihm unterstellen, dass es ihm schlicht darum geht, die Bude vollzubekommen."

Demonstration gegen Nazi-Marsch

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