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Kirchheim:Globales Puzzlespiel

Die Suche nach Knochenmarkspendern ist in Zeiten von Corona sehr mühsam

Als Blutkrebspatient auf einen Stammzellenspender zu warten, zehrt an den Nerven. Denn normalerweise passt laut der Knochenmarkspenderdatei DKMS nur etwa einer von 100 Registrierten. Im Kirchheimer Burschenverein jedoch herrscht offensichtlich eine besonders hohe Quote: Dort spendeten in den vergangenen Jahren gleich vier junge Männer Stammzellen. Woran das liegt? Am guten Augustiner-Bier, scherzt Sepp Koch, der als erster aus dem Verein spendete. An der frischen Kirchheimer Luft, glaubt Patrick Reis, der als Letzter Ende April dran war. An einem glücklichen Zufall, sagt Julia Runge, die bei der Spenderdatei DKMS für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Patrick Reis aus Kirchheim spendet Knochenmark, er ist bereits der vierte aus dem örtlichen Burschenverein, der so einem Leukämiepatienten hilft.

(Foto: Privat)

Die vier ließen sich 2015 bei der Aktion für Rinah Scheer aus Aschheim typisieren. Das Mädchen war damals zwölf Jahre alt, an einer selten Form des Blutkrebs erkrankt und lag im Krankenhaus, als mehr als 4000 Menschen in den Aschheimer Feststadl kamen. Darunter waren damals auch 16 Mitglieder des Kirchheimer Burschenvereins. Seitdem bekommen sie fast jedes Jahr die Nachricht, dass einer von ihnen als Spender passt. Zuletzt eben Patrick Reis. Vier Tage vor der Entnahme musste er sich selbst Spritzen geben, um die Stammzellenproduktion in seinem Körper anzukurbeln. "Manche bekommen wohl Grippesymptome. Ich hatte gar keine Nebenwirkungen", sagt er. Die Spende ging an eine Spezialklinik in Dresden. Als "so ähnlich wie Blutspenden" beschreibt er die Prozedur. Wer seine Stammzellen erhalten hat, erfuhr Reis nicht. Er weiß nur, dass es eine Frau aus Kanada war.

Neben den vier Burschen gaben bis heute noch 19 weitere Menschen Stammzellen ab, die sich damals in Aschheim typisieren ließen. Für Rinah Scheer war allerdings kein passender Spender dabei. Sie fand ihn auf der anderen Seite des Globus - in San Diego, Kalifornien. Heute, fast fünf Jahre später, denke sie kaum noch an diese Zeit, an die Schmerzen und an die Angst, sagt Scheer. Inzwischen ist sie 16 und macht dieses Jahr ihren Realschulabschluss. Später wolle sie Ernährungs- oder Sportwissenschaften studieren. Rinah Scheer ist zwar gesund, doch sie gehört immer noch zur Risikogruppe, für die eine Infektion mit Corona besonders gefährlich wäre. In die Schule geht sie deshalb gerade nur für Prüfungen. Auch Freunde trifft sie nicht. Und wenn sie das Haus verlässt, dann nur mit Mundschutz - so wie in der Zeit, als sie gegen den Krebs kämpfte. Schlimm findet sie das allerdings nicht. "Ich bin eh nicht so der Typ, der auf viele Partys geht", sagt sie.

Anders als die Erkrankten seien die Spender nicht anfälliger für eine Corona-Infektion, sagt DKMS-Sprecherin Runge. Seit dem Ausbruch der Pandemie habe sich die Arbeit an der Spenderkartei trotzdem erschwert: Weil Grenzen dicht sind und kaum Flüge gehen, sei der Transport komplizierter. Außerdem kann die DKMS keine Aktionen mehr vornehmen und ist darauf angewiesen, dass Menschen Spendenkits im Internet bestellen. Zwar forderten seit März etwa 23 000 Menschen so ein Set an, mit denen sie sich selbst eine Speichelprobe entnehmen können, doch nur die Hälfte schickte es auch wieder zurück. Wenn die DKMS allerdings einen passenden Spender gefunden hat, mache auch in Zeiten von Corona kaum mehr jemand einen Rückzieher.

© SZ vom 18.05.2020

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