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Ismaning:Hunger nach Kultur

Die Museen im Ismaninger Schlosspark genießen nach der Wiedereröffnung erfreuliche Resonanz

Gisela Hesse hat sich einen Stuhl vor den Hinterausgang ihrer Galerie gestellt. Die Maske hat sie abgelegt, sie genießt das frühlingshafte Flair im Ismaninger Schlosspark und plaudert gerade mit einem Besucher, als sie eine Bekannte vorbei gehen sieht. Die Spaziergängerin hebt kurz den Kopf und teilt ihr mit, dass sie auf dem Weg ins 100 Meter entfernte Kallmann-Museum sei. "Ah gut" antwortet Hesse, Leiterin der Galerie im Schlosspavillon, "bei uns waren Sie ja schon."

Die Frau ist quasi ein Stammgast der Ismaninger Häuser. Und davon gibt es gar nicht so wenig am Ort. "Es gibt ein interessiertes lokales Publikum", sagt Hesse, die auch lange das Kallmann-Museum geleitet hat. "Aber natürlich kommen hier auch viele Leute aus München her, Garching oder Aschheim." Ihre Galerie hat seit 16. Mai wieder offen, die Ausstellung "Joachim Jung - eine Suche nach Alexander von Humboldt in Bildern", die Anfang März startete und dann der Pandemie zum Opfer fiel, wurde jetzt bis 31. Mai verlängert. Der Münchner Maler, der sich in seinen Bildern vor allem auf eine Zeit des Forschers im Fränkischen konzentriert und diese kombinierte mit farblichen Metamorphosen von schwarzen Papageien und grünen Raben, hat ohnehin eine gewisse Anhängerschar in der Gemeinde. Aber Gisela Hesse ist generell angetan von der jüngsten Resonanz. "Man merkt, den Leuten ist es nicht egal. Viele habe auch angerufen während des Shutdown." Die Lust auf Kultur macht im Schlosspark nicht an der Galerie Halt, wo es neuerdings einen getrennten Ein- und Ausgang gibt und auch ein Desinfektionsmittelspender steht. Die beiden anderen Museen, das überregional renommierte Kallmann- und das Schlossmuseum können ebenso wenig über Zuschauermangel klagen, hinzu kommt, dass sie derzeit keinen Eintritt erheben, bis zum Ende der Pfingstferien. "Wir haben hier eine ideale Situation: drei Häuser in einem schönen Park", so Hesse.

Dem kann Christine Heinz, Leiterin des Schlossmuseums nur zustimmen. "An den Wochenende war es gut gefüllt." Ihre Institution hätte heuer normal ein kleines Jubiläum mit einem großen Fest gefeiert - seit zehn Jahren ist das Museum nun am aktuellen Standort. "Das fällt leider aus" so Heinz. Aber immerhin gibt es die passende Sonderausstellung mit dem Titel: "Wir gratulieren!" Eine Art Hommage an die Glückwunschkultur von früher - gezeigt werden etwa alte Postkarten oder Glückwunschtassen - sowie der Umgang mit Festen und Jubiläen in modernen Zeiten. Sehr hübsch ist dabei ein Foto "20 Jahre Hallenbad Ismaning" von 1997, bei dem der damalige Bürgermeister Michael Sedlmair vor einem Rednerpult am Beckenrand steht, umschwirrt von Kindern und Jugendlichen in Badekleidung, die komplett desinteressiert an der Ansprache wirken.

Zwei Besucherinnen, die das Museum gerade betreten haben, studieren mit Maske und "Ahs" und Ohs" eher die älteren Exponate, ein Taufkleid von 1801, nostalgische Postkarten und andere, mitunter kitschige Utensilien "Das Thema ist nicht besonders intellektuell, sondern eher was fürs Herz", sagt Heinz. Genau das aber sei gerade gefragt, wie ihr positive Reaktionen der Besucher bisher gezeigt hätten. Ein brandaktuelles Exponat ist auch zu sehen: Zwei Seiten aus der Lokalzeitung mit bunten Glückwunsch-Anzeigen, etwa an den Opa, dem man wegen Corona nicht persönlich zum 90. Geburtstag gratulieren konnte. Dass das Begleitprogramm und Führungen ausfallen müssen, bedauert Heinz, aber das Jubiläumsfest soll im Sommer 2021 nachgeholt werden.

Im benachbarten Kallmann-Museum gibt es das "Kontrastprogramm", wie Heinz es nennt. Intellektuell sehr anspruchsvoll, nachdenklich machend, dazu visuell inspirierend: Die Ausstellung "Ausweitung der Marktzone - Künstlerische Fragen an den heutigen Kapitalismus" ist komponiert aus Arbeiten von 21 zeitgenössischen Künstlern. Die Eröffnung der Werkschau mit dem hochaktuellen Thema, wurde auf den 16. Mai verschoben, natürlich ohne Vernissage. Die Kasse ist jetzt hinter Plexiglas, es gibt einen sehr stylishen Desinfektionsmittelspender und bei der ein oder andere künstlerischen Arbeit ist ein Desinfektionsspray mitsamt Tüchern und Mülleimer bereitgestellt. Dem Leiter Rasmus Kleine, der eloquent über "Ausbeutungsmechanismen" und "Neoliberalismus" parlieren kann, gefällt so was naturgemäß weniger, aber ansonsten ist auch er angetan von der guten Resonanz: "Das ist ermutigend." Auch gerade sind wieder Besucher im Haus, die dem ausgewiesenen Rundgang durchs Haus folgen, mit Maske und desinfizierten Händen. Ein "Hunger nach Kultur" treibt sie an, der sich nun wieder Bahn bricht. Oder wie es Gisela Hesse leicht verschmitzt ausdrückt: "Ich glaube jetzt langsam doch an die Kulturnation Deutschland."

© SZ vom 29.05.2020

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