Ismaning:Alternative Einrichtungen für Todkranke

Weil Fachkräfte für Palliativstationen fehlen, diskutiert die Kreispolitik die Möglichkeiten von Tageshospizen oder Wohngemeinschaften - das spart auch Geld

Von Iris Hilberth, Ismaning

Mit der wachsenden Zahl von Älteren und unheilbar Kranken steigt auch der Bedarf an Einrichtungen für Begleitung. Johanna Hagn, die Vorsitzende des Hospizkreises Ismaning, kann die erhöhte Nachfrage bestätigen. Gleichzeitig weiß sie, dass ein stationäres Hospiz für den Landkreis aktuell nicht in Frage kommt. "Das ist ein schweres Thema, die Krankenkassen erteilen nur sehr begrenzt Zulassungen", sagt sie. In Ismaning will man daher zukünftig auf innovative Angebote setzen. In Frage kommt ein Tageshospiz oder eine Palliativ-Wohngemeinschaft. Beides könnte in einem Neubau des Hillebrandhofs untergebracht werden.

Melanie Hörl, im Landratsamt zuständig für die Koordination des Hospiz- und Palliativnetzwerks, bestätigte in der jüngsten Sitzung des Kreis-Sozialausschusses die geringen Aussichten auf ein stationäres Hospiz. Im Landkreis Ebersberg, der eine solche Einrichtung anstrebte, hatten die Krankenkassen bereits keinen Bedarf gesehen und auf neue Hospize in Erding, Germering, Prien und in München verwiesen. Aktuell gibt es vier Palliativstationen und zwei stationäre Hospize im Stadtgebiet, die auch die Landkreisbewohner mit versorgen.

Hörl verwies zudem auf einen insgesamt rückläufigen Bedarf an stationären Hospizplätzen. Dies könne man bereits in Ländern wie England beobachten, dem Mutterland der Hospizbewegung. Hier wurde 1967 die erste Einrichtung gegründet. Mittlerweile würden die vorhandenen Plätze dort teilweise sogar rückgebaut. Auch hier setzt man vermehrt auf "innovative Angebote", die insbesondere auch kostengünstiger sind.

"Das große Problem sind die Fachkräfte", sagt Hagn. Für ein stationäres Hospiz brauche man 1,8 speziell ausgebildete Leute. "Und die finden wir nicht, und das wird in Zukunft noch viel schlimmer", befürchtet die Ismaningerin. Für eine Palliativ-WG hingegen reiche eine Fachkraft, die mit allgemeinem Pflegepersonal und ehrenamtlichen Hospizhelfern ergänzt werden könne. Sechs Betten könnte eine solche WG anbieten. Ob der Hospizkreis nun diese Form der Betreuung wählt oder eine palliative Tagespflege anstrebt, kann Hagn noch nicht endgültig sagen. Das hänge noch von der Raumplanung des Neubaus ab. Auch die Tagespflege von Schwerstkranken könne Angehörigen eine große Entlastung verschaffen. "Es ist ja am Anfang nicht so, dass die Betroffenen nur noch liegen", stellt sie klar, wie so ein Angebot funktionieren könnte. Kreisrätin Nicola Gerhardt (CSU) hatte in der Ausschusssitzung ihre Bedenken an dieser Betreuungsform geäußert. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man diese Menschen täglich in die Tagespflege bringt", sagte sie.

"Wir brauchen gute und nicht kostengünstige Angebote", betonte sie. Gudrun Hackl-Stoll von den Grünen ist überzeugt, dass "die meisten am Ende des Lebens zu Hause sein wollen", dies aber nicht möglich sei, wenn die Familienangehörigen berufstätig sind. Barbara Bogner, die Bürgermeisterin von Sauerlach, mahnte an: "Wir sollten eher schauen, wo wir das Personal herkriegen."

Melanie Hörl ist der Ansicht, innovative Angebote wie Tageshospize, Palliativ-WGs und Tagesangeboten sollten auch im Landkreis in Erwägung gezogen werden. Als Vorteil sieht sie die Niederschwelligkeit, wenn mehrere solcher Angebote in den Gemeinden und Städten verteilt werden. Damit fiele auch die Hürde langer Fahrzeiten in die stationären Hospize der Stadt für Angehörige weg. Bei den Versorgern gebe es erste Bestrebungen und Ambitionen derartige Angebote im Landkreis München aufzubauen und umzusetzen. "Das Interesse ist diesbezüglich generell sehr hoch", hat Hörl festgestellt.

Mit dem Hospizkreis Ismaning soll sich das Landratsamt nun auf Anregung von Kreisrätin Annette Ganssmüller-Maluche (SPD) in Verbindung setzen. Laut Johanna Hagn ist auch die Caritas an dem Thema dran und habe bereits Brunnthal als Standort im Blick. Die Arge Hospiz, ein Zusammenschluss der 15 im Landkreis tätigen Hospizdienste, habe sich bereits zweimal intensiv mit Alternativangeboten beschäftigt und festgestellt, dass mindestens drei solcher Einrichtung geschaffen werden müssten, um den Bedarf zu decken. Zunächst wolle man sich das Konzept im Landkreis Ebersberg anschauen, wo in Glonn eine WG, eine sogenannte Hospizinsel, eingerichtet wird.

© SZ vom 16.07.2021
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