bedeckt München 15°

Höhenkirchen-Siegertsbrunn:Auf der Schwelle zu einem neuen Leben

Nun nehme ich froh das Glas zur Hand, gefüllt mit Wein bis an den Rand: Zimmermann Josef Bast hebt auf das Wohl der künftigen Bewohner an.

(Foto: Claus Schunk)

Höhenkirchen feiert Richtfest für ein Haus, in dem 26 junge Menschen mit Handikap eine Wohngemeinschaft bilden werden

Von Antonia Hofmann, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Die Außenwände sind unverputzt, fensterlos und von Gerüsten umgeben, die Fußböden bestehen noch aus blankem Beton. Bisher erinnert das Gebäude nur entfernt an ein Wohnheim. Für 26 junge Menschen aber wird hier schon in knapp einem Jahr ein großer Wunsch in Erfüllung gehen. An der Wächterhofstraße, mitten in einem Wohngebiet in Höhenkirchen-Siegertsbrunn, entsteht ein gemeinschaftliches Zuhause für Menschen mit Behinderung.

Beim Richtfest ist es kalt und regnerisch, als Zimmermann Josef Bast den Richtspruch für das zweistöckige Gebäude spricht. Initiatorin Andrea Hanisch lässt sich die Laune davon nicht verderben. "Wir bauen hier ein ganz besonderes Haus", wird die Gründerin des Vereins "Zukunft trotz Handicap" und CSU-Gemeinderätin später im Rohbau sagen. Von nebenan vernimmt man Hammerschläge. "Dieses Haus gehört in die Mitte, nicht an den Rand", sagt Hanisch. Zahlreiche Gäste sitzen an den Bierbänken im Erdgeschoss und feiern mit den zukünftigen Bewohnern einen weiteren Schritt in Richtung ihrer Selbstständigkeit. Die Menschen sollen hier wie in einer normalen Wohngemeinschaft leben, erklärt Hans-Jürgen Gerhardt, der das Projekt gemeinsam mit Hanisch geplant hat. Das Vorbild war ein ähnliches Haus in seiner Heimatgemeinde Oberschleißheim. Die jungen Erwachsenen werden in vier Wohngruppen mit eigenen und Gemeinschaftsräumen wohnen. Nach der Arbeit sollen Betreuer zu Besuch kommen und helfen, wo es nötig ist. Alltägliche Aufgaben müssen dann erledigt werden, man werde gemeinsam einkaufen gehen und kochen, sagt Gerhardt.

Die jungen Leute freuen sich mächtig auf ihre neue Unabhängigkeit. Darauf, "endlich mal alleine zu sein", findet zum Beispiel der 28-jährige Benedict Klebel. Oder eine Dusche ganz für sich allein zu haben - ein großer Wunsch der 23-jährigen Christina Maier. Im Januar soll der Innenausbau des Wohnheims beginnen, voraussichtlich im September können die Bewohner einziehen. Ihre Eltern sind mehr als zuversichtlich. "Das ist ein großes Glück", sagt Katja von Wackerbarth. Zu sehen, wie das Projekt nun Formen annehme und dass die Kinder bald einziehen könnten. Susanne Dotzer aus Germering wird es ein wenig bange, wenn sie an den bevorstehenden Umzug ihres Sohnes denkt. Man freue sich riesig, das Wohnheim biete die besten Bedingungen - aber es falle schon schwer, Felix herzugeben, sagt sie. "Meistert er seinen Tagesablauf? Zieht er sich dem Wetter gerecht an, frühstückt er ordentlich?"

Felix ist 19 Jahre alt, er leidet unter der Erbkrankheit Fragiles-X-Syndrom. Dotzer weiß, dass das Wohnheim für ihren Sohn ein wichtiger Schritt ist. Einige andere Bewohner kennt die Familie bereits aus Felix' Schule. Sie wünsche sich, dass ihr Sohn hier selbständig sein Leben meistern wird - auch dann, wenn sie und ihr Mann sich nicht mehr kümmern können. Auch Sohn Felix wirkt begeistert. Er freue sich darauf, auch mal "Ruhe von meinen Eltern" zu haben. Das sei gut so, "die haben eh viel zu tun", sagt er. Eine Überraschung gibt es an diesem Richtfest-Nachmittag auch noch: Die Immobiliengruppe Pöttinger überreicht Bewohnern und Initiatoren einen Scheck über 30 000 Euro. Wofür das Geld verwendet wird, wissen die Initiatoren noch nicht.

© SZ vom 10.10.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite