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Haar:Markt der Köstlichkeiten

Der zehnjährige Elijan Keller hat das Spiel "Kristallino" entworfen.

(Foto: Claus Schunk)

Bei der Spielemesse präsentieren Erfinder ihre Konzepte

Echte Zocker kann auch das Coronavirus nicht in die Knie zwingen. Die Spielerfindermesse in Haar fand am Freitag ungehindert statt. Einige Unternehmen wie die Spielwarenfirma Haba sagten ihre Teilnahme aufgrund eines Verbots aller Dienstreisen ab. Alle anderen würfelten und knobelten stundenlang, was das Zeug hielt. Veranstalter und Spielexperte Tom Werneck ist zufrieden mit der Bilanz der 23. Spielerfindermesse, denn trotz Corona-Angst war die Halle voll.

Etwa 100 Erfinder präsentierten ihre Ideen den 16 angereisten Redakteuren der großen deutschen Spieleverlage. Ob die erste Spielidee auf einen Waschmittelkarton aufgezeichnet oder schon fertig ausgearbeitet wurde, sei gar nicht wichtig, sagte Tom Werneck, denn: "Redakteure sind wie Trüffelschweine." Auch wenn die Knollen unansehnlich aussähen, seien sie doch wahre Köstlichkeiten. Ein erfahrener Redakteur könne das jederzeit erkennen. "Es ist wurscht, ob der Kreis krumm und schief ist, wichtig ist nur, dass ein Spiel Spaß macht", sagte Werneck, der das Bayerische Spielearchiv in Haar führt.

Die Spielerfindermesse müsse man sich vorstellen wie den Viktualienmarkt in München, sagte der 80-Jährige. Die Stadt stelle den Platz zur Verfügung und schreie die Marktweiber herbei. Die Hausfrauen gingen dann von Stand zu Stand und blieben stehen, wenn etwas ihr Interesse geweckt habe. "Wir stellen also den Marktplatz zu Verfügung." Durch eine Begrenzung der Teilnehmerzahl auf 100 würde die Messe in Haar zudem zu etwas Besonderem. Qualität gehe bei ihnen vor Quantität. "Und dann muss sich auch kein Redakteur ärgern, dass er vielleicht das nächste 'Siedler von Catan' übersieht, weil er nicht genug Zeit hat."

Werneck bekommt als Leiter des Spielearchivs im Jahr zwischen 600 und 1000 Spiele auf den Schreibtisch. Einen Trend könne er nicht ausmachen, die Bandbreite reiche von mehrstündigen, extrem aufwendigen Strategiespielen bis hin zu zehnminütigen Zockerspielen. Werneck, selbst Erfinder von mehr als 40 Spielen und Mitbegründer des "Spiel des Jahres", weiß aus eigener Erfahrung, woher die Inspiration für neue Spiele stammt: Mitten aus dem Leben. "Nehmen wir zum Beispiel einen Verkehrsstau", sagt er. Ein Stau könne leicht auf Spielfeldgröße verkleinert werden. Dann noch ein Element dazu, nun muss ein Brand gelöscht werden. Daraus kann ein Spiel entstehen. "Spiele spiegeln das Leben", da ist sich Tom Werneck sicher. Der Klassiker Monopoly sei ein Paradebeispiel für den "amerikanischen Raubtierkapitalismus". In Europa sei das Lebensbild anders, Handeln und Verhandeln ständen über rücksichtsloser Bereicherung. "Deswegen funktionieren die 'Siedler von Catan' bei uns auch so gut."

Mit dem ersten Prototyp seiner Spielidee im Gepäck versucht der Erfinder nun, sein Werk an den Mann zu bringen. Ist ein Redakteur auf der Erfindermesse in Haar interessiert, setzt er sich zu ihm und sie fangen an zu spielen. Sollte er das Spiel als erfolgversprechend ansehen und es mit zu seinem Verlag nehmen, ist erst einer von vielen Schritten getan. Mitunter kann es zwei Jahre lang dauern, bis das Spiel produziert wird. Die Zahl derer, die nur vom Spielerfinden leben können, lässt sich an ein oder zwei Händen abzählen. Für die meisten ist es ein nettes Hobby. Dass das Alter dabei keine Rolle spielt, beweist bei der Messe der zehnjährige Elijan Keller. Mit "Kristallino" hat er ein Spiel von Kind zu Kind designt.

© SZ vom 09.03.2020

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