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Haar bei München:Malerisches Querdenken

Gabriele von Ende-Pichler malt vielschichtig und farbintensiv. Für sie hat die Kunst ein heilende Wirkung.

(Foto: Claus Schunk)

Gabriele von Ende baut auf die Inspiration und Kraft der Kunst

Wer ihr "Atelier am Rathaus" betritt, fühlt sich angenehm von Licht und Farben umflossen. Sonnenstrahlen tauchen durch die bis zum Boden reichenden Glasscheiben, erhellen den großzügigen Raum, an dessen Wänden farbkräftige, vielschichtige Bilder hängen. Eine Staffelei, auf der das neueste Werk Gabriele von Ende-Pichlers ruht, Pinsel, Bücher und hübsches Mobiliar schaffen eine einladende Atmosphäre. "Die Menschen fühlen sich wohl hier" sagt Gabriele von Ende-Pichler. Aber so einladend es auch ist, allzu viele Menschen dürfen sich in den Räumen hier derzeit natürlich nicht aufhalten. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil das Atelier an der Haarer Bahnhofstraße, das Ende-Pichler 2018 bezogen hat, mehr ist als nur ein Ort, an dem sie für sich alleine malt.

Die 75-Jährige hat in dem Gebäude, das früher eine Postfiliale beherbergte, Malkurse gegeben, Lesungen gehalten, ein Frauenforum initiiert, oft unter kunstpsychologischen Aspekten. Für Ende-Pichler, die bereits vor mehr als 20 Jahren Hospizvereine gegründet hat und für Bestattungsunternehmen Trauernde begleitet, war es wichtig, einen Ort der Begegnung zu schaffen, einen Ort, an dem Kunst und Empathie den Genius Loci ausmachen.

Nun, 2020 wird es keine Lesungen mehr geben, größere Malgruppen finden erst wieder im Herbst statt. Die vergangenen Monate war das Atelier für Besucher geschlossen, jetzt gibt es wieder Einzel-Gespräche und Malkurse. "Maximal drei Malerinnen", sagt Ende-Pichler - es sind fast ausschließlich Frauen, die sich anmelden - und mit den üblichen Vorsichtsmaßnahmen. Malen mit Maske und Abstand also.

Wie für fast alle Künstler deren Einnahmen weggebrochen sind, und die weiterhin laufende Kosten haben - unter anderen Miete für Atelier und Lager - ist ihre finanzielle Situation suboptimal. Sie war indes eine der ersten, die die staatliche Soforthilfe für Künstler beantragt hatte - und nach "sechs bis acht Wochen habe ich sie auch bekommen". Der bürokratische Aufwand sei allerdings schon enorm gewesen und generell glaubt sie auch nicht, dass es für viele Künstler reichen werde.

Aber Ende-Pichler ist eine Frau, die Stärke und eine Liebe zum Leben ausstrahlt, nicht zuletzt befeuert durch Ideen und spirituelle Konzepte Rudolf Steiners oder Hippokrates'. Die soziale, heilende Komponente der Kunst ist ihr wichtig, schon viele Jahre begleitet sie etwa Menschen mit ihrem Lebens-Bilder-Gesprächszyklus "Jahreswachstum". Dabei kann gerade eine Zeit wie die jetzige mit ihren existenziellen Merkwürdigkeiten inspirierend sein. "Nun fährt nicht nur die Kultur zurück und so mancher spürt sich selbst wieder" so Ende-Pichler. "Er wird auf sich zurück geworfen, möchte sich ausdrücken und erkennt sich in der erzwungenen Freizeit endlich selbst. Brüchiges wird brechen oder günstigen Falls heilen, neue Querdenkerideen werden hoffentlich zahlreich erwachsen." Querdenken heißt für sie auch malerisch querdenken: "Sehen im Abstrakten" ist ihre Maxime, bunt, fließend, auf der Suche nach Harmonie. "Ich helfe den Menschen, ihre inneren Bilder zu malen." Ende-Pichler, die auch zwei Bücher ("Du hast mehr Kraft, als du glaubst" und "Wenn plötzlich alles ganz anders ist") geschrieben hat, hat in ihren 75 Jahren selbst schon einiges an "Schicksal" erlebt, was sie indes stärker gemacht habe. In den zurückliegenden Monaten hat sie immer wieder Menschen telefonisch beraten, die ja nicht zu ihr kommen konnten. Jetzt, da das Atelier wieder offen ist, schauen ab und zu Leute auf ein helfendes Gespräch vorbei. "Die Menschen hatten ja niemand zum Reden. Und viele fallen dann auf ihre Basis zurück." Für die Haarer Künstlerin, die schon in den USA und China ausgestellt hat, hatte die Corona-Phase nicht ganz undramatisch begonnen: Anfang März hatte sie noch eine Lungenoperation, da bekam sie mit, wie die Betten im Krankenhaus frei geräumt wurden. Ende-Pichler hat überhaupt gesundheitlich schon einiges hinter sich, aber sie wirkt wie jemand, der in sich ruht. "Mir geht's bombig." Von ihrer Energie, ihrer spirituellen Ruhe im Umgang mit der Endlichkeit will sie andere profitieren lassen. Sie selbst nennt sich "empathische Begleiterin". Gerade als Trauerbegleiterin ist sie jetzt wieder verstärkt gefragt. Zeit zum Malen hat sie zuletzt wieder gehabt, aber sie braucht eben auch das Kommunikative. "Wir Künstler sind wichtig, immer auf der Suche nach neuen Perspektiven, die wir anderen gerne angedeihen lassen."

© SZ vom 29.05.2020 / wat

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