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Grünwald:Göttlicher Maestro

Generalangriff auf die Sinne: Optisch wie akustisch war die "Grünwalder Sommernacht" wieder einmal gelungen. Und auch die Pasta mundete.

(Foto: Claus Schunk)

Die Kammeroper München widmet sich dem Genie und Genießer Rossini

Beim letzten Programmpunkt des Abends erfährt der Generalangriff auf die Sinne eine zusätzliche Note. Für Augen und Ohren war es ja ohnehin ein Fest: zum einen der stimmungsvoll illuminierte Innenhof der Grünwalder Burg im Dämmerlicht, zum anderen das Terzett "Ah qual colpo" aus der Oper "Der Barbier von Sevilla", das Idunnu Münch (Mezzosopran), Francisco Brito (Tenor) und Iurii Samoilov (Bariton) mitreißend sangen. Aber jetzt kroch auch das Aroma von Pasta und Soßen vom hinteren Teil des Hofes - dort wo, das Büfett aufgebaut war - in die Nase. Das Dinner, das wie immer bei der "Grünwalder Sommernacht" dem Konzert folgte, wurde angewärmt.

Gioacchino Rossini, dem der musikalische Part dieses Abends gewidmet war, hätte dies gefallen: Der 1792 in Pesaro geborene Italiener war nicht nur der wohl erfolgreichste Komponist seiner Zeit, sondern hatte auch einen erlesenen Gaumen - und großen Appetit. "Rossini war ein dicker Mann." Mit diesem charmanten Satz eröffnete Sprecher Dominik Wilgenbus den Abend und später zitierte er die Aussage eines zeitgenössischen Beobachters, der den Komponisten "als lustig aussehenden Mann" beschrieb, der einen "prallen Wanst" hätte. "Rossini - Genie und Genießer" unter diesem Motto stand der musikalisch-kulinarische Abend im Burghof und für die akustischen Verführungen zeichnete das Ensemble der Kammeroper München verantwortlich. Neben den drei Gesangssolisten und Wilgenbus war das noch das elfköpfige Orchester, das unter Leitung von Nabil Shehata so virtuos wie luzide agierte.

Gleich der Auftakt, die Ouvertüre von "Die diebische Elster", war ja ein gutes Exempel für Rossinische Tonkunst: spritzig, effektsicher und mit charakteristischem Orchester-Crescendo als Höhepunkt. Es folgten diverse Arien, Duette und Terzette aus den Opern "La Cenerentola" (Aschenputtel), "Die Italienerin in Algier", "Cyrus in Babylonien" und "Der Barbier von Sevilla". Dieses berühmteste Werk Rossinis schien zunächst ein Desaster zu sein, wie Wilgenbus erzählte, der den Abend mit amüsanten Zwischentexten bereicherte. Die Uraufführung 1816 in Rom war jedenfalls ein Fiasko: Das Publikum bedachte das Geschehen mit Gelächter, Pfeifen und als sich ein Sänger die Nase blutig schlug, soll es "Da capo" gerufen haben. Zudem erschien noch eine Katze auf der Bühne. Schon bald avancierte der "Barbier" aber zum Welterfolg und Rossini, den Heinrich Heine "Divino Maestro" nannte, wurde zum Star. Er war nicht nur ein produktiver Komponist, der 38 Opern schrieb, sondern auch ein Genussmensch, der Kochen und Essen liebte. Als er in Paris lebte, riss sich die Gesellschaft um eine Einladung an seine Tafel. Von Trüffel, Gänseleber, Truthahn, Maccheroni und Wein konnte er nie genug kriegen.

Aber Rossini, der im späteren Leben an Depressionen litt, war auch ein Mann von feinem Humor und spitzer Zunge: So sagte er über die Musik von Wagner, sie habe schöne Augenblicke . . . aber schreckliche Viertelstunden. Und einem Neffen des gerade verstorbenen Giacomo Meyerbeer, der ihm einen aus diesem Anlass komponierten Trauermarsch vorspielte, soll er geantwortet haben: "Es wäre besser gewesen, Sie wären gestorben und Ihr Onkel hätte den Trauermarsch komponiert!"

Alles andere als ein Trauerspiel waren die Darbietungen der drei Sänger, die sich nicht nur den virtuosen Koloraturen Rossinis gewachsen zeigten, sondern auch wunderbar dialogisierten und komödiantisches Talent offenbarten. Natürlich durfte auch "Largo al factotum" nicht fehlen, die berühmte Arie des Figaro, bei der Bariton Samoilov seine große Klasse zeigte. Das Publikum, unter ihnen Bürgermeister Jan Neusiedl und Burgherr Rupert Gebhard, Leiter der Archäologischen Staatssammlung, zeigte sich begeistert von den Musikern und durfte nach angemessenem Kunstgenuss schließlich auch den Gaumen verwöhnen.