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Grünwald:Freudentränen unter grauem Himmel

Ein kleines, feines Posaunenkonzert im idyllischen Gartenambiente: Werner Nöbel und seine Familie genießen die Liveklänge.

(Foto: Claus Schunk)

Bei einer Aktion der Thomasgemeinde beglücken Musikschüler und -lehrer Senioren mit persönlichen Hauskonzerten

Von Udo Watter, Grünwald

Erhebende Posaunenklänge steigen in den grauen Himmel über Grünwald. Dreistimmig suchen sie, der dichten Wolkendecke trotzend, die Welt über dem Regenbogen, mit weichem, dunklem Timbre, gar nicht heroisch und schmetternd auftrumpfend wie es dem Forte-Klischee des Instruments entspräche.

Aber die drei Posaunisten, die hier ein Opern-Air-Konzert in einer kleinen Grünanlage zwischen mehrstöckigen Miethäusern geben, wollen ja auch nicht die Mauern von Jericho niederblasen, sondern Herzen bewegen. Und das tun Tabea, 12, und Benedikt, 15, mit ihrem Lehrer Alfredo Migliavacca von der Musikschule Gräfelfing. Ihr "Somewhere over the Rainbow" treibt der Zuhörerin, für die sie im Besonderen spielen, noch mal ein paar Tränen in die Augen. Heidrun Oda Korten, die vor kurzem 80 Jahre alt geworden ist, wirkt beseelt, hat die Hände beim Lauschen zur Raute gefaltet. Sie ist eine der Grünwalder Seniorinnen und Senioren, die an diesem Samstagnachmittag in den Genuss eines persönlichen Hauskonzerts kommen - eine Aktion der evangelische Thomasgemeinde, die diese in Zusammenarbeit mit den Musikschulen Grünwald, Gräfelfing und Starnberg organisiert hat. "Ich bin emotional berührt", sagt Korten, "da waren auch Melodien dabei, die für mich besonders sind." Unter anderem erklangen noch der Gospel-Klassiker "Amazing Grace", ein Schubert-Walzer und ein Trauermarsch von Henry Purcell. Dass Bläserklänge Seelensaiten zum Klingen bringen, wird sich an diesem Tag noch mehrmals zeigen, Posaunenlehrer Migliavacca und seine beiden talentierten Schüler besuchen kurz darauf ein Haus an der nahe gelegenen Oberhachinger Straße und geben dort das nächste Freiluft-Kammerkonzert im idyllischen Gartenambiente - auch hier freut sich der Hausherr und erwählte Zuhörer Werner Nöbel über die klangvolle Visite.

Insgesamt acht Hauskonzerte werden an diesem 1. Mai gegeben, und auch wenn der Himmel permanent düster ist, bleiben Musiker und Instrumente - auch Geigen und Trompetenensembles kommen zum Einsatz - bei ihrem musikalischen Spaziergang durch die Ortschaft trocken. Nicht nur deshalb freuen sich Pfarrer Christian Stalter und Barbara Bechtold vom Vorstand der Kirchengemeinde über den Verlauf der Aktion, sondern auch, weil die Reaktion der Konzertbeschenkten mehr als dankbar anmutet - und die Protagonisten von den Musikschulen ebenfalls angetan davon sind, dass sie mal wieder live vor Publikum spielen dürfen. "Die Leute waren fast sinnlos glücklich, dass sie sozusagen ein Konzert gewonnen haben", sagt Barbara Bechtold, "und auch bei den Musikschulen haben wir offene Türen eingerannt." Ursprünglich versandte die Grünwalder Thomasgemeinde im März Briefe an die 70-bis 101-jährigen Gemeindemitglieder. Es ging um Fragen, was Kirche für diese bedeute in der Pandemiezeit und was sie sich von ihr wünschten. Mittels einer beigelegten Antwortkarte konnte man sich rückmelden und - bei entsprechendem Ankreuzen - sich wahlweise für ein Hauskonzert oder ein Fotoshooting bewerben. Bei 450 Briefen kamen 30 Repliken, acht Schreiber hatten sich ein Hauskonzert gewünscht. "Der Tenor war, dass die Menschen trotz der Pandemie zufrieden sind und auch einsichtig mit der Situation umgehen", sagt Stalter, "manche haben auch angefangen, ein Tagebuch während dieser Zeit zu schreiben." Hauskonzerte in Grünwald anzubieten, war seine Idee gewesen. Da etliche Eltern über ihre Kinder Verbindung zur Musikschule haben, war die Aktion schnell realisiert und die Win-Win-Situation für junge Aktive und ältere Zuhörer (inklusive Familien und Nachbarn) schon prädestiniert.

"Wir nutzen die Gelegenheit gleich mal, um zu üben", sagt Violinenlehrerin Aloisia Dauer bei ihrem Hauskonzert augenzwinkernd. Sie ist mit ihren Schülerinnen Johanna, 13, und Léonore, 10, im Garten eines Hauses an der Geranienstraße und erfreut die über 90-jährige Zuhörerin mit Bela-Bartok-Tänzen oder dem berühmten "Can-Can" aus Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt". Es ist auch hier eine gelungene Melange aus bekannten, einschmeichelnden Klassikern und Stücken, die nicht so gefällig, aber durchaus mitreißend daherkommen.

Schön, dass auch an der Geranienstraße ein paar Zaungäste und Nachbarn den ungewohnten Live-Klängen lauschen. Ihr Dank gilt den Musikern und den Initiatoren der Aktion, die wiederum dankten sozusagen dem Herrgott in seiner Eigenschaft als Wettergott. "Es ist ein großes Glück, dass wir das heute live machen konnten", resümiert Stalter. "Die Aktion war ein schöner Erfolg. Wir haben einige Freudentränen gesehen."

© SZ vom 03.05.2021
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