Haar "Ich bin in Bürokratie erstickt"

Nirit Sommerfeld schaut mit Wehmut auf ihre Zeit am Kleinen Theater Haar, die geprägt war von Begeisterung, aber auch von Missverständnissen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nach Beendigung ihrer Intendanz am Kleinen Theater Haar zieht Nirit Sommerfeld Bilanz: Missverständnisse um Budget und Konzept haben die künstlerische Arbeit erschwert

Interview von Rita Baedeker, Grafing/Haar

Nach fast zwei Jahren hat die in Grafing lebende deutsch-israelische Sängerin und Schauspielerin Nirit Sommerfeld Ende März vorzeitig die Leitung des Kleinen Theaters Haar abgegeben. In dieser Zeit hat sie zahlreiche hochwertige Veranstaltungen realisiert und vielfältige kulturelle Projekte zur Belebung der Spielstätte angestoßen. In einem Gespräch mit der SZ nennt sie nun die Gründe für ihr Ausscheiden.

SZ: Warum haben Sie nach knapp zwei Jahren Aufbauarbeit das Kleine Theater Haar verlassen? Sahen Sie Ihre Erwartungen enttäuscht?

Nirit Sommerfeld: Zunächst: Ich habe einen in gegenseitigem Einvernehmen geschlossenen Aufhebungsvertrag unterschrieben. Der Grund für mein Ausscheiden ist, dass ich nicht mehr daran glaube, dass man mit den im Kleinen Theater gegebenen Voraussetzungen künstlerisch etwas voranbringen kann, was ja mein Auftrag war. Wir haben zwar bewirkt, dass Gemeinde und Bezirk ihre Förderung von diesem Jahr an um jeweils 50 Prozent erhöht haben, konkret also um 60 000 Euro. Was sie jedoch dafür bekommen, das ist etwa 70 Prozent weniger Kultur. Diese Mogelpackung wollte ich nicht mittragen.

Wieso Mogelpackung?

Ich habe meine Arbeit begonnen mit der dokumentierten Zusage, dass für das Kleine Theater 120 000 Euro Kulturförderung im Jahr zur Verfügung stehen werden und

dass die gesamte Verwaltung vom Betreiber, dem Sozialpsychiatrischen Zentrum (SPZ), übernommen werden würde. Nach neun Monaten war aber klar, dass dieses Budget für alle Fixkosten, zum Beispiel auch für Personal, Werbung, Öffentlichkeitsarbeit, Gebäudeversicherung, Mitarbeiter-Honorare, Technik, Betriebskosten und so weiter, verwendet werden muss.

Dann handelt es sich also um ein Missverständnis. Wie konnte es dazu kommen?

Das konnte so kommen, weil nicht ich das Konzept für das Kleine Theater entwickelt habe, sondern weil bereits ein Konzept existiert hat, welches von der Gemeinde, dem Bezirk und dem SPZ verantwortet wurde. Daraus geht hervor, dass ein Kulturbudget in dieser Höhe für alle Ausgaben reichen müsste. Die Sache ist nur: Dieses Konzept haben Leute erdacht, die wenig Erfahrung mit einem Theater- oder Kulturbetrieb haben. Das Café, das mittlerweile Herzstück des Theaters und meiner Ansicht nach unverzichtbar ist, war gar nicht geplant.

Was war in diesem Konzept falsch berechnet? Hat man die Kosten unterschätzt?

Man hat nicht bedacht, dass Kultur grundsätzlich immer Geld kostet und nicht welches erwirtschaftet. Jeder Theatermacher weiß: In dem Moment, in dem sich abends die Türen zum Saal öffnen, ist bereits Geld ausgegeben worden. Für Vorbereitung, Organisation, für die Kassenkraft, die Bewirtung, für Gema und Künstlersozialkasse, dazu kommen Vorverkaufsgebühren, Feuerwehr, Hauskosten. Ich bin davon ausgegangen, dass diese Kosten das SPZ bezahlt. Aber ich gebe zu, das ist auch mein Fehler gewesen, ich habe mir damals, als ich dort anfing, vor lauter Begeisterung, dieses schöne Haus zu übernehmen, nicht alle Fakten vorlegen lassen.

Können Sie die Situation mit ein paar Zahlen erläutern?

Zunächst hatte ich keine Finanzverantwortung und man beließ mich in dem Glauben, ich hätte das erste halbe Jahr mit plus minus Null abgeschlossen. Als drei Monate später klar wurde, dass wir fett im Minus waren, lag die Finanzverantwortung bei mir, und wir begannen zu rechnen. Bei 120 000 Euro Budget im Jahr bleiben im Monat 10 000 Euro. Wir hatten aber (bei dem Konzept, so wie es ist) de facto rund 20 000 Euro Fixkosten im Monat. Wie viel Miese das sind, kann sich jeder selbst ausrechnen. Wir haben uns übrigens auch Rat geholt beim Verband Freie Darstellende Künste in Bayern. Und die haben uns gesagt, dass ein Konzept wie das des Kleinen Theaters niemals funktionieren könne. Unter 450 000 Euro Fördergeldern im Jahr könne man kein Theater wie das in Haar betreiben.

Sind denn auch noch andere Dinge für Sie schief gelaufen?

Ich wollte zum Beispiel das neben dem Theater gelegene leer stehende Casino nutzen und habe dazu viele Ideen entwickelt. Künstler hätten dort preiswert übernachten, Ateliers einrichten und dafür mit Klienten in Haar arbeiten können. Man hätte Synergien auf künstlerischer und sozialer Basis schaffen können. Das Ganze scheiterte aber an allerlei Bedenken - in diesem Fall der Oberbayerischen Heimstätte. Ich wollte das Gelände mit Leben füllen, denn bald werden da viele tausend Menschen mehr wohnen, und die wollen ein Theater, ein Café, ein lebendiges kulturelles Zentrum. Aber ich bin in Bürokratie erstickt.

Was ist geblieben von der Begeisterung?

Die hat sich lange gehalten und ist bei jeder Veranstaltung aufgeflammt. Die Freude hatte mit der guten persönlichen Beziehung zum Publikum und zu meinem Team zu tun.

Und wie geht es jetzt weiter?

Erst mal war ich traurig, mein Team und auch mein Publikum so schnell wieder zu verlassen. Aber jetzt habe ich mir ein paar Wochen Ruhe und Abstand gegönnt und ich weiß: Mir wird nicht langweilig. Gerade hat mich eine Agentur unter Vertrag genommen, die viel mit Musik und Literatur macht. Darüber bin ich glücklich. Ich habe auch eine Idee für einen Film, möchte Theater spielen, noch mal eine politische Reise nach Israel/Palästina anbieten, und ich habe einige interessante Angebote im Bereich Kulturmanagement. Im Rückblick muss ich sagen: Eine Institution wie das SPZ halte ich für den falschen Träger für ein Theater, dazu der Bezirk und die Gemeinde mit unterschiedlichen Ansprüchen. In einem Theater müssen alle an einem Strang ziehen und nicht in drei Richtungen. Sie wollen die Quadratur des Kreises: Kultur und Profit in einem. Mit dem Budget und ganz wenig Kultur mag das gelingen. Meinem Team, was jetzt übernommen hat, wünsche ich viel Glück dabei.