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Garching:Das urbane Dorf

Blick auf München vom Fröttmaninger Berg, 2019

Moderne Zeiten: Der Blick vom Fröttmaninger Schuttberg auf die Stadt Garching.

(Foto: Florian Peljak)

Garching wächst und das Ortsbild verändert sich. An einem Bauvorhaben auf einer früheren Hofstelle entzündet sich einmal mehr eine Debatte, wie die Universitätsstadt ihren Charakter bewahren kann

Von Irmengard Gnau, Garching

Mehr Wohnraum im Ort, ohne dabei viel Fläche zu versiegeln: Dieses Ziel haben sich angesichts augenscheinlicher klimatischer Veränderungen und eines gestiegenen Bewusstseins für die Bedeutung grüner Flächen so ziemlich alle Kommunen auf die Fahnen geschrieben. Dabei stehen die Verantwortlichen nicht selten vor einem Dilemma, wie das Beispiel Garching zeigt. Wie und wo ist Nachverdichtung sinnvoll? Um diese Frage hat sich in der Universitätsstadt eine veritable Grundsatzdiskussion entsponnen.

Aufhänger ist der Antrag eines Bauwerbers, der an der Freisinger Landstraße 17 und 17a zwei L-förmig angeordnete, miteinander verbundene Gebäude mit insgesamt 42 Wohnungen und einer Höhe von knapp 15 Metern errichten will. Das Grundstück liegt am Rand des Garchinger Ortskerns, einst stand dort ein landwirtschaftlich genutzter Hof. An diese Vergangenheit erinnerte im Bauausschuss Albert Biersack (CSU), der davor warnte, dem Bauvorhaben zuzustimmen; eine solch dichte und seiner Ansicht nach sehr urban anmutende Bebauung wie geplant, sei an dieser Stelle fehl am Platz. Garching müsse seine Identität bewahren, forderte Biersack. "Es sollte noch erkennbar sein, wo das Dorf Garching entstanden ist. Wenn man sich anschaut, wie viele Menschen in den kommenden Jahren neu nach Garching ziehen werden in unsere vielen Neubaugebiete, ist es umso wichtiger, das kleine, alte Garching zu bewahren." Sollte die Stadt dieser Nachverdichtung stattgeben, fürchtet Biersack, werde dies außerdem Nachahmungswirkung haben für die künftige Bebauung der Umgebung.

Für das betreffende Grundstück gilt eigentlich die im Bebauungsplan 111 "Alter Ortskern" festgelegte maximale Baudichte einer Geschossflächenzahl von 0,5. Die Geschossflächenzahl schreibt vor, wie viele Quadratmeter Stockwerksfläche je Quadratmeter eines Grundstücks gebaut werden dürfen. Der Investor möchte diese bei seinem Vorhaben auf 0,98 erhöhen, um mehr Wohnungen an der Adresse bauen zu können und eine dementsprechend höhere Gewinnmarge zu haben; dafür braucht er die Zustimmung der Kommune. Einen ersten Vorschlag hatte der Bauausschuss bereits abgewiesen, nun hat der Bauwerber nachgebessert und die Ausrichtung des Gebäudes geändert sowie die Zahl der Vier-Zimmer-Wohnungen auf vier verdoppelt. Mit diesen Nachbesserungen konnten die SPD-Vertreter im Bauausschuss das Projekt gutheißen. Die Nachverdichtung sei zwar "deutlich", sagte Bürgermeister Dietmar Gruchmann, jedoch akzeptabel. Er betonte den Bedarf an Wohnraum, außerdem beteiligt die Stadt den Investor mit ihrer Regelung zur sozialen Bodennutzung (Sobon) an den Kosten für Infrastruktur und hofft so, bezahlbare Wohnungen schaffen zu können.

Die Lage - innerorts und sehr nah zur U-Bahnstation - eigne sich städteplanerisch betrachtet geradezu ideal zur Nachverdichtung, argumentierte Götz Braun. Und Ulrike Haerendel verwies darauf, dass der von Biersack zitierte dörflich geprägte Ortskern Garchings an dieser Stelle sowieso kaum noch erkennbar sei. Auch die beiden Grünen-Vertreter sprachen sich für die Nachverdichtung aus. Die Mitglieder des Ortsverbands hatten jüngst bei einem Online-Stammtisch über gesundes Wachstum diskutiert. Christian Hierneis, Landtagsabgeordneter, riet dazu, versiegelte Flächen mit verkehrlicher Anbindung zu nutzen - wie im Fall der Freisinger Landstraße. Am Ende empfahl eine knappe Mehrheit des Bauausschusses gegen die Stimmen der CSU und der Unabhängigen Garchinger dem Stadtrat die Nachverdichtung.

© SZ vom 06.03.2021
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