Erster Schultag:Große Klasse

Einschulung in Brandenburg

Die Einschulung ist für die meisten Kinder ein großer Tag, an den man sich auch als Erwachsener noch erinnert.

(Foto: dpa)

Diesen Dienstag beginnt für viele Kinder der sogenannte Ernst des Lebens. Wie haben Menschen aus dem Landkreis ihren ersten Schultag erlebt? Die SZ bat sechs Erwachsene sich zu erinnern - an ihre Lehrerin, Freunde und Schultüten.

Von SZ-Autoren

Anfang mit Fräulein Reichart

Seine alte Schule erkennt Stefan Schelle auch heute noch allein am Geruch. "Wahrscheinlich das gleiche Bohnerwachs wie damals", sagt der Oberhachinger Bürgermeister. Entlang seines alten Schulwegs riecht es heute jedoch ganz anders. Als er am 10. September 1970, einem Donnerstag, in der heute ältesten noch bestehenden Volksschule im Landkreis eingeschult wurde, führte die Kreisstraße noch rund um den Kirchplatz. Schulweghelfer gab es damals nicht. "Es galt Tempo 50 und eine Ampel hatten wir nicht, das war ein interessanter Schulweg", erinnert sich Schelle. Es habe zwar oft gequietscht, aber passiert sei zum Glück nichts Ernstes.

Erster Schultag: Blick zurück: Oberhachings Bürgermeister Stefan Schelle erinnert sich in seinem alten Klassenzimmer an seine Einschulung.

Blick zurück: Oberhachings Bürgermeister Stefan Schelle erinnert sich in seinem alten Klassenzimmer an seine Einschulung.

(Foto: Claus Schunk)

Ein "Federmapperl" und ein bisschen Süßigkeit fand er in seiner Schultüte, mit der er sich am ersten Schultag in die hintere Reihe setzte. Mit 41 Kindern sei es der Geburtenstärkste Jahrgang "ever" gewesen, sagt Schelle. Vorne an der Tafel stand das noch sehr junge Fräulein Reichart. Die meisten seiner Schulkameraden kannte er schon vom Spielen. Sein erster Schultag sei relativ unspektakulär gewesen, verglichen mit heute. "Wahnsinn, was heute am ersten Schultag los ist", sagt der gebürtige Oberhachinger. Während bei den meisten Erstklässlern die anfängliche Freude am Unterricht mit der Zeit abebbte, blieb sie Stefan Schelle offenbar erhalten: "Ich bin immer gern zur Schule gegangen", sagt er, "vielleicht auch, weil meine Mama Handarbeitslehrerin an der Schule war."

Immer wieder aufs Neue

Erste Schultage hat Verena Knoll schon viele erlebt. Die 42-Jährige ist Lehrerin und stellvertretende Schulleiterin an der Grundschule Neuried. An ihren eigenen im Jahr 1982 an der Grundschule an der Martin-Luther-Straße in Kirchheim kann sie sich allerdings noch ganz genau erinnern. Die Oma hatte ihr extra ein sonnenblumengelbes Kleid genäht, das sie zum ersten Mal tragen durfte. Stolz war sie auch auf ihren dunkelgrünen Ranzen, der von diesem Tag an die ausgediente Kindergartentasche ablöste.

Neuried: stellvertretende Schulleiterin der Grundschule Neuried Verena Knoll

Neuried: stellvertretende Schulleiterin der Grundschule Neuried Verena Knoll Verena Knoll, stellvertretende Schulleiterin Grundschule Neuried

(Foto: privat)

Rektor Rotter hat Gitarre gespielt und dazu gesungen. "Alle Klassen waren in der Aula und es war sehr feierlich", erinnert sich die Pädagogin. Doch schon im Klassenzimmer bei Frau Antl tauchte die erste große Herausforderung ihrer Schullaufbahn auf, vielleicht sogar die größte überhaupt: Die Kinder sollten ihre Schultüte malen. Was nach leichter Aufgabe klingt, erwies sich für Verena Knoll als harte Prüfung. So schön die Schultüte auch war, schließlich war darauf ein kompletter Bauernhof abgebildet, so schwierig erschien es der Sechsjährigen, all die Schweine, Esel, Kühe, Hühner, Pferde und Hunde auf dem Papier unterzubringen. Die Banknachbarin habe es da wesentlich einfacher gehabt. Sie musst nur Sterne zeichnen. Mut zur Lücke, habe sie sich gedacht, und tapfer der Lehrerin gemeldet: "Ich kann kein Pferd malen." Was aber nicht weiter schlimm war. Traumatisch war das Erlebnis jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Auch heute malt Verena Knoll mit ihren Schülern am ersten Schultag die Schultüten. Wer mit diesem Auftrag gar nicht klar kommt, darf sie auch fotografieren und das Bild ins Heft kleben.

Der Zeit voraus

So ein grantiger Blick auf dem Bild von der Einschulung. Aber das ist auch kein Wunder. Alle Kinder marschierten am 12. September 1989 mit ihren knallbunten Schulranzen in die Silva-Grundschule in Kirchheim, die damals - dem Tag ihrer Eröffnung - noch Grundschule 3 hieß. Nur einer nicht. "Ich fand das damals so uncool, obwohl ich das Wort noch nicht gekannt habe, weil ich als einziger mit einem Lederschulranzen in die Schule gehen musste", sagt Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl. "Ich wollte wie alle anderen auch einen bunten Scout-Schulranzen."

Erster Schultag: Auch bei Kirchheims Rathauschef Maximilian Böltl war die Schultüte ein Muss.

Auch bei Kirchheims Rathauschef Maximilian Böltl war die Schultüte ein Muss.

(Foto: privat)

Mittlerweile, 19 Jahre später, findet er das alte Stück cool. Oder besser: stylisch. "Meine Eltern waren dem Trend offenbar voraus", sagt Böltl und schmunzelt. Mindestens so präsent wie der Tag der Einschulung ist ihm aber auch sein zweiter Schultag: "Meine Mama war gleich am Anfang in Richtung Elternbeirat unterwegs. Und am ersten Schultag haben die Eltern richtig Druck gemacht", sagt Böltl. Weil der erste Jahrgang der neuen Grundschule nur in zwei Klassen untergebracht war. Die Eltern hatten mit ihrem Protest Erfolg. "Am zweiten Schultag waren wir plötzlich auf drei Klassen aufgeteilt.". Den Lederschulranzen musste er aber auch in die kleinere Klasse mitnehmen.

Alle in einer Klasse

Uta Neusiedl stammt ursprünglich aus der Nähe von Münster in Westfalen. Dort ging die Mutter von Grünwalds Bürgermeister Jan Neusiedl in eine Dorfschule, in der alle Klassen in einem Raum unterrichtet wurden. Ihr erster Schultag war im April 1940, seinerzeit begann das Schuljahr noch im Frühjahr. An den ersten Schultag hat sie keine speziellen Erinnerungen. Nur so viel: "Damals gab es nicht so ein Theater darum wie heute." Auch habe es weder Schultüte noch Geschenke gegeben oder gar eine Feier. Heutzutage, hat die 85-Jährige gehört, sei der erste Schultag der umsatzstärkste Tag für die Wirte in Grünwald. Für Uta Neusiedls Eltern aber war die Einschulung damals keine so große Sache, obwohl das Mädchen ein Einzelkind war und natürlich "etwas Besonderes" für die Eltern, wie sie sagt.

Wie sie am ersten Tag den Weg zurückgelegt hat, weiß sie nicht mehr so genau. "Wahrscheinlich hat mir das Hausmädchen den Weg gezeigt." Als Schultasche fungierte eine alte Aktentasche ihres Vaters. Danach musste die kleine Uta den drei Kilometer langen Weg zur Schule täglich ganz alleine gehen. In der Nähe ihres abgelegenen Wohnhauses - sie lebten in einem Landschaftsschutzgebiet - wohnten keine anderen Kinder. Auch auf dem Weg begegnete sie selten jemandem, er führte durch einsames Feld, an einer Mühle vorbei und auch ein Stückchen durch ein Wäldchen. "Da hatte ich immer schreckliche Angst", erinnert sie sich.

Erster Schultag: Uta Neusiedl.

Uta Neusiedl.

(Foto: Claus Schunk)

Die erste Lehrerin hieß Fräulein Steenkuhl. "Man sagte damals Fräulein, obwohl sie aussah wie eine Matrone. Aber sie war sehr nett." Im Klassenzimmer gab es einen Kanonenofen. "Wer da saß, hatte es schön warm." Was ihr auch noch in Erinnerung ist: das Auswendiglernen von großem und kleinem Einmaleins. "Zum Beispiel 16 mal 18. Wer kann das schon heute noch?"

Einen Kamm für den Bua

Der Fotograf Herbert Becke aus Garching, 1950 in München geboren, blickt zurück auf eine sehr bewegte Kindheit, aber einen tollen Schuleinstieg. Er wurde "nicht-ehelich" geboren, dazu war er auch noch evangelisch - "das war die Steigerung" im katholischen Bayern, sagt Becke. Als er sechs Jahre alt war, wohnte er gerade mit der Mutter bei einer Freundin in Garmisch-Partenkirchen. Er bekam eine Schultüte, ging aber nicht zur Schule, weil seine Mutter und er am 1. Oktober wieder umziehen mussten. Die Mutter hatte eine kleine Mansardenwohnung in Harthof bekommen. Von dort aus marschierte der Sechsjährige zur Hugo-Wolf-Schule. Allein, weil die Mutter arbeiten musste.

1. Schultag in Garmisch

Die Schultüte war Pflicht, wie beim Fotografen Herbert Becke.

(Foto: Herbert Becke)

"Das Glück war, dass ich diese Lehrerin hatte. Frau Ritzinger, eine ganz junge Frau und eine Seele von Mensch." Sie nahm den Sechsjährigen zur Begrüßung in den Arm. "Bua, wia schaugst denn du aus?", fragte sie und zog ihren Kamm aus der Handtasche, um sein verstrubbeltes Haar in Ordnung zu bringen. "Einen besseren Einstieg in die Schule hätte ich nicht haben können." Und es war ein willkommener Kontrast zu der Ausgrenzung, die er zuvor häufig erfahren musste.

Der erste Schultag, so sagt Becke, sei für ihn das zweitpositivste Erlebnis seiner Kindheit gewesen. Auf Platz eins steht die Erinnerung daran, dass er beim Vierschanzen-Springen in Garmisch-Partenkirchen als Sechsjähriger beim Schanzentreten helfen durfte.

Mit Uniform und Schürze

Ochmaa Göbel, die Frau des Münchner Landrats, erinnert sich noch sehr deutlich an ihren ersten Schultag in der Mongolei. Am Morgen weckten ihre Eltern sie rechtzeitig zum gemeinsamen Frühstück. Die Schuluniform war schon gebügelt und den rosafarbenen Schulrucksack, auf den sie sehr stolz war, hatte sie gemeinsam mit ihrer Mutter am Vorabend gepackt. In der Schule achtete man sehr auf ein ordentliches Erscheinungsbild. Die Uniform war hoch aufgeschlossen und der Rock ging bis übers Knie, die Fingernägel mussten immer geschnitten sein.

Erster Schultag: Anders bei Ochmaa Göbel, der Frau des Landrats, die in der Mongolei zur Schule kam.

Anders bei Ochmaa Göbel, der Frau des Landrats, die in der Mongolei zur Schule kam.

(Foto: privat)

Zur Einschulung trug Göbel noch eine weiße Schürze, welche die fröhliche Stimmung untermalen sollte. Eine Schultüte ist bis heute in der Mongolei unüblich. Stattdessen gab es, wie es an besonderen Tagen Tradition ist, eine silberne Schale als Geschenk, die mit mongolischem Milchtee gefüllt war. Ihre Mutter tippte mit dem Finger in den Tee und tupfte ihr davon etwas auf die Stirn. Mit dieser Geste wünschte sie ihrer Tochter den Schutz Buddhas.

In der Schule war es anfangs sehr chaotisch, erinnert sich Ochmaa Göbel, da sich viele der Kinder im Gebäude verliefen oder nicht wussten, in welcher Klasse sie waren. Die ersten Schulstunden selbst waren sehr spielerisch. Es wurde gemeinsam musiziert und den ersten Buchstaben lernten die Kinder auch schon. Ein Bild hat Göbel von ihrem ersten Schultag nicht, da ihre Mutter wie viele Buddhisten fürchtete, die Seele könne gefangen werden. Von ihrem eigenen Sohn möchte die mehrfache Mutter kommenden Dienstag dagegen so viele Bilder wie möglich machen - selbstverständlich mit Schultüte.

© SZ vom 08.09.2018
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