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Corona-Tests:Dem Virus auf der Spur

Werner Kittlaus ist für seine Aufgabe im Testzelt gut ausgerüstet. Vollständig vermummt macht er Abstriche, um zu prüfen, ob jemand mit dem Coronavirus infiziert ist oder nicht.

(Foto: Claus Schunk)

Der ehemalige Klinik-Apotheker Werner Kittlaus hat seinen Ruhestand unterbrochen, um mit voller Energie den Kampf gegen die Pandemie aufzunehmen. In der Pullacher Teststation nimmt der 70-Jährige Abstriche vor

Von Michael Morosow, Pullach

Eine der tückischen Fähigkeiten des unseligen Coronavirus ist seine Kunst, sich zu tarnen. "In der Molekularbiologie wird getäuscht und getrickst", sagte denn auch Werner Kittlaus, der seit Tagen ein wichtiger Posten ist im Kampf gegen die Pandemie. Seit zwei Wochen verrichtet der ehemalige Pharmaziedirektor der einstigen Kreiskliniken Perlach und Pasing freiwillig Dienst in einem Testzelt an der Wurzelseppstraße in Pullach, wo er bei Menschen mit Symptomen Abstriche macht. Eines hat er dabei gemein mit dem Covid-19 - man erkennt ihn nicht auf dem ersten Blick, eine Art Ganzkörperverkleidung macht dies unmöglich. Kittlaus freilich ist nicht nach einem Versteckspiel zumute, die ganze Montur dient ausschließlich seinem Schutz und dem seiner Klienten vor einer Ansteckung.

Wer dem 70-Jährigen in diesen Tagen bei der Arbeit zusieht, würde wohl darauf wetten, dass kein einziges Virus irgendwo ein Schlupfloch durch seine Schutzhülle finden könnte: Der blaue Kittel ist sogar von besserer Güte als jene von der Feuerwehr. "Die werden gewöhnlich für Krebspatienten verwendet", erklärt Kittlaus. Für seinen Besucher hat er alle Schutzmittel auf dem Wohnzimmertisch seines Hauses ausgelegt - eine Haube mit Gesichtsausschnitt, ein FFP3-Mundschutz mit Ein- und Ausatmungssystem, eine Schutzbrille, die nicht beschlägt, Handschuhe mit Stulpen bis zum Ellbogen, Desinfektionstücher etcetera. Wahrscheinlich könnte man ihn folgenlos von allen Seiten anhusten.

Werner Kittlaus, Ehemann der Grünen-Gemeinderätin Renate Grasse, musste nicht lange überredet werden, seinen vor sieben Jahren angetretenen Ruhestand für die gute Sache zu unterbrechen. "Super, ich bin wirklich begeistert, das macht er völlig altruistisch", schwärmt Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne), die den früheren Chefapotheker der Kreiskliniken um Hilfe gebeten hatte. Die beiden kennen sich gut, Tausendfreunds vor zwei Jahren verstorbener Ehemann, der langjährige Pullacher SPD-Gemeinderat und Gymnasiallehrer Odilo Helmerich, hatte einst Kittlaus' Enkel unterrichtet. "Wir hängen dreimal am Tag zusammen am Telefon", berichtet der Pensionär, dessen Engagement auch bei den Ärzten in der Umgebung bestens ankommt. Dabei steht er mit zehn Ärzten in Kontakt, die Patienten mit Symptomen zu ihm schicken und somit das Ansteckungsrisiko in ihren Praxen minimieren. Kittlaus holt dabei die Teströhrchen selbst ab und bringt sie nach den erfolgten Abstrichen auch wieder zurück.

Es ist nicht das erste Mal, dass es der promovierte Biochemiker mit einer durch eine unsichtbare Gefahr entstandenen weltweiten Problemlage zu tun hat: "Tschernobyl war ganz schlimm", erinnert er sich. Eine Massenpanik sei damals entstanden und Milchpulver gehortet worden. Heute zahle man für 500 Milliliter Desinfektionsmittel aber auch 25 Euro. "Das Schlimmste wäre eine Massenhysterie", sagt Kittlaus. Er glaube aber, wenn sich alle an die Einschränkungen hielten, sei das Problem in den Griff zu bekommen. Was er von der oftmals propagierten These hält, das Coronavirus habe es schon immer gegeben? "Das ist als ob man einen Sportwagen mit einem Lkw vergleicht." Dieses Virus jedenfalls habe die Fähigkeit zur Pandemie.

Bereits bei 44 Menschen hat er in seinem Zelt Abstriche gemacht, darunter bei vier Familienmitgliedern, die allesamt infiziert waren. Häufige Rückzugsbereiche des Virus seien die Nagelfurchen und tiefe Furchen in der Hornhaut. So locker der Biochemiker privat wirkt, vor und in seinem Testzelt besteht er auf Disziplin. "Die Dramaturgie mache ich", sagt Kittlaus. Testpersonen dürfen sich nicht begegnen, müssen im Auto warten, bis sie aufgerufenen werden. Das Teststäbchen führt er dann vorsichtig über den Gaumenbogen und beidseitig über die Ecken der Kiefergelenke, wo sich das listige Virus gerne versteckt.

© SZ vom 04.04.2020
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