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Bürgerfest in Unterhaching:Ein Lebkuchenherz für die Umwelt

Strohhalme aus nachwachsenden Rohstoffen, Zitrone statt Erfrischungstücher: Das von der Gemeinde organisiert Volksfest soll erstmals plastikfrei sein. Doch nicht bei allen Besuchern und Standbetreibern ist die Öko-Offensive angekommen

Hendl-Tüten aus Papier, Teller aus Porzellan und Strohhalme aus Zuckerrohr: Es sollte der Beginn einer Revolution sein, und die sollte in Unterhaching stattfinden - das erste Bürgerfest, das möglichst ohne Plastik auskommt. Festwirt Edmund Radlinger und mit ihm auch einige der Schausteller haben sich Mühe gegeben, diesem Anspruch gerecht zu werden. Aus dem großen Festzelt zumindest, das noch bis Sonntag im Ortspark steht, hat er alles verbannt, was als Plastikmüll irgendwann im Meer schwimmen und in Mägen von Fischen landen könnte. Das Unterhachinger Bürgerfest, das heuer in seine 47. Runde geht, hat der Wegwerf-Gesellschaft den Kampf angesagt, doch während Lebkuchenherzen-Verkäufer und Getränke-Anbieter sich Gedanken über Verpackungen machen, bekommen die Besucher davon kaum etwas mit.

Ein kleiner Hinweis auf der Speisekarte im Zelt erläutert den "lieben Gästen" zwar das neue Umweltbewusstsein der Veranstalter. "Wundern Sie sich nicht, dass es keine Zitrustücher, Plastiktüten, Plastikmüllsäcke, Plastiktrinkhalme mehr gibt. Wir bieten Ihnen nachhaltige und umweltschonende Alternativen", heißt es unten links. Doch offenbar lesen nur wenige das Kleingedruckte und sind eher fixiert darauf, was die Mass Bier kostet und ob bei den Angeboten für die kleinen Gäste Pommes dabei sind.

"Plastikfreies Fest? Keine Ahnung, noch nie davon gehört", lautet die Antwort von den meisten. Aber auch in der Sonderausgabe des Gemeindejournals zum Fest war nichts über die Öko-Offensive zu lesen. Und während sie Besucher gleich drei Strohhalme in die Apfelschorle stecken, nichts ahnend, dass die nicht aus Plastik, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt sind, bekräftigen sie dennoch, dass das schon eine gute Sache sei.

Bei manchen aber hat es sich doch rumgesprochen, dass die Zitrone, die zum Hendl gereicht wird, nicht zum Verzehr, sondern zum Händesäubern gedacht ist. "Ganz klar", meint eine Frau, die sich gerade mit ihren beiden Begleitern das Geflügel nebst Kartoffelsalat oder Semmel bestellt hat. Sie führt vor, wie man den Zitronensaft über die Hände träufelt und dann an der Papierserviette abwischt. Dass diese Idee aber nicht bei allen Gästen ankommt, wie sie sollte, gibt Francesca Licata von der Serviceleitung zu. "Man kann den Leuten viel erklären, aber nicht immer nützt das etwas", weiß sie aus jahrelanger Erfahrung in der Branche zu berichten. "Im Sternerestaurant habe ich Gäste beobachtet, die den Zitronensaft aus dem Schälchen getrunken haben", sagt sie, und so sei das auch hier mit dem Zitronenviertel. Es werde gegessen, über dem Hendl ausgepresst oder einfach liegen gelassen. Die wenigsten aber essen das Hendl mit Besteck, und wenn alle Knochen abgenagt sind, bleiben am Ende doch die fettigen Finger. Nun fehlen aber die Erfrischungstücher neben dem Teller, weil die ja wegen der Plastikverpackung abgeschafft worden sind. "Vor allem die Senioren und die Familien haben immer Feuchttücher in ihrer Tasche", sagt Licata nach den Beobachtungen der vergangenen Tage. Eigentlich hatte Radlinger Handwaschbecken zwischen den Bierbänken aufstellen wollen. Doch diese Idee hatte sich als wenig praktikabel erwiesen. "Wenn das Zelt voll ist so wie am Montag, als wir am Seniorennachmittag zweieinhalbtausend Hendl serviert haben, funktioniert das nicht", sagt Licata.

Vielen fällt die Abkehr vom Plastik auch nicht gleich auf, weil die Verpackung aus nachwachsenden Rohstoffen teilweise recht ähnlich wie Kunststoff ausschaut. Die Lebkuchenherzen von Brigitte Amerseder sind in durchsichtige Folie gewickelt, so wie immer eigentlich. "Doch diesmal ist sie aus Maisstärke hergestellt", wie Amerseder bestätigt. Sie in Papier einzuwickeln, sei keine Option. Dann sind die essbaren Botschaften "I mog di" und "Du bist mein Ein und Alles" schon am nächsten Tag steinhart. Am Stand nebenan verkauft Monika Lange kandierte Früchte und die Slush-Sorten Heidelbeer, Waldmeister und Tropic im Plastikbecher. Die allerdings gilt es nach dem Genuss des halbgefrorenen Getränks zurückzubringen. Immerhin ist ein Euro Pfand darauf. Das sei kein Problem, sagt Lange, sie finde das auch wichtig. Die Strohhalme an ihrem Stand sind übrigens aus Papier.

Doch ganz plastikfrei kann ein solches Fest mit Schaustellern gar nicht ablaufen. Radlinger hatte bereits vor Beginn zugegeben, dass etwa die Gewinne an Los- und Schießbuden weiterhin weitgehend aus Plastik sein werden. Schlüsselanhänger, kleine Spielzeuge wie Jojos und Pfeifen, Scherzartikel, Wasserpistolen, Plastikblumen und Plüschtiere sind traditionell die Preise, daran wird sich so schnell wohl auch nichts ändern. "Alles andere ist zu teuer, etwa Blumen aus Stoff", sagt der Betreiber einer der beiden Schießbuden. Allerdings weist er darauf hin, dass die Röhrchen, die es zu treffen gelte, aus Porzellan und nicht aus Kunststoff seien.

Auch Norbert Zeff, der Fischsemmeln und Steckerfisch verkauft, reicht seine Ware noch in Alufolie und Plastiktüten verpackt über die Theke. "Ich bin schon dafür, dass das aufhört", sagt er. Doch sieht er die Industrie und die Politik am Zug und nicht die kleinen Verkäufer. "Solange die Plastiktüte nur einen Bruchteil der Papiertüte kostet, kann ich mir das nicht leisten", gibt er offen zu. "Wenn sich das ändert, bin ich sofort dabei."