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Belebung der Ortsmitte:Zellen-Genossen

Luis Kinzkofer, Meret Kettling und Fiona Sontheimer (von links) haben das Telefonhäuschen umgestaltet. Auch wenn es hier so wirkt - die Zelle ist kein Triptychon geworden, das Bild ist eine Fotomontage und zeigt verschiedene Seiten.

(Foto: Bokowski)

In Baierbrunn dient seit Ende Januar ein ausrangiertes Telefonhäuschen als Tauschbörse für Bücher. An der Anschaffung, Gestaltung und Ausstattung haben sich Privatleute, Künstler und Firmen beteiligt.

Von Udo Watter, Baierbrunn

Mag sein, dass Telefonzellen inzwischen nur noch als Anachronismus wahr genommen werden und die Vorstellung, eine Hörmuschel mit Kabel in der Hand zu halten, für junge Menschen geradezu absurd ist. Bücher sind dagegen noch lange nicht aus der Mode gekommen. In Baierbrunn ist es nun zu einer Symbiose dieser beiden Symbole respektive Kulturtechniken aus einer analogen Welt gekommen: Vor dem Rathaus der Gemeinde steht seit Kurzem eine zum öffentlichen Bücherschrank umgerüstete Telefonzelle, ein veritabler Hingucker: bunt und kreativ gestaltet von Meret Kettling, Fiona Sontheimer und Luis Kinzkofer.

Ende Januar ist der öffentliche Bücherschrank vor dem Baierbrunner Rathaus in Betrieb genommen werden. Die Resonanz ist gut. "Er ist schon zu 80 Prozent gefüllt", freut sich Mitinitiatorin Petra Bokowski. Tendenziell sind es eher Pageturner als schwere Literatur, auch Krimifans habe eine gute Auswahl - von Donna Leon bis Inge Löhnig, der in Hohenbrunn lebenden Bestsellerautorin.

Es ist ein partizipatives Projekt, für dessen Realisierung verschiedene Menschen im Ort verantwortlich zeichneten. Die Idee entstand im Herbst 2019 bei einem Treffen des vom Bund Naturschutz initiierten Aktionsbündnisses "Baierbrunn - eine Gemeinde blüht auf". Petra Bokowski und Karin Smith nahmen das Projekt in die Hand und fanden bei einem weiteren Treffen zwei weitere Mitorganisatoren: Anita Sontheimer und Michael Eisenmann. Eines war für die Projektgruppe klar: Man wollte keinen fertigen Bücherschrank kaufen, sondern eine ausrangierte Telefonzelle erwerben, um diese umzurüsten und neu zu gestalten. Abhängig war die Finanzierung von privaten Spenden, das Spendenziel von 2000 Euro wurde sogar übertroffen. "Unser Aktionsbündnis hat zwei große Ziele: Nachhaltigkeit, und den Gemeinschaftsgeist am Ort zu fördern", erklärt Bokowski. "Die Unterstützung war phänomenal. Das hat eine ganz eigene Dynamik angenommen."

Als die von der Telekom gekaufte Telefonzelle nach Lieferschwierigkeiten schließlich im November 2020 ankam, war es wegen der kühlen Witterung notwendig, eine Garage für die Gestaltung zu finden: Die Metallbaufirma von Max Gampenrieder avancierte so für vier Wochenenden zur Kunstwerkstatt. Zunächst wurde ein Wochenende lang geschliffen, um die Grundlage für einen neuen künstlerischen Anstrich zu schaffen und diesen übernahmen anschließend Kinzkofer, Sontheimer und Kettling.

Nach der Erledigung des kreativen Parts half ein weiteres Baierbrunner Unternehmen mit: Die Autolackiererei Ballistreri übernahm die Lackierung der Zelle, damit die Schmökerzelle möglichst lange Wind und Wetter trotzt. Robert Buchner half beim Transport. Im Dezember wurde die umgestaltete Telefonzelle auf dem Betonsockel vor dem Rathaus verankert. Michael Eisenmann und Renate Heeschen bauten im Januar das selbstgeschreinerte Regal ein.

Bürgermeister Patrick Ott (Überparteiliche Wählergruppe) wird noch eine Bank aus seinem Besitz stiften, damit ein "Ort des Verweilens" entsteht. Er zeigt sich begeistert über das Engagement: "Als Bücherwurm seit Jugendtagen war mir dieses Projekt ein wichtiges Anliegen. Ich finde das Ergebnis optisch überwältigend und habe selber einige Bücher beigesteuert. Grass, Walser, aber auch Comics von Gary Larson und Rabe Socke", so Ott. Auch ein "Werk zum Nachdenken", das Buch "Einer von uns" über den rechtsradikalen norwegischen Attentäter Brevik, sei dabei gewesen.

Der offene Bücherschrank soll natürlich auch zur Begegnungsstätte in der bisher nicht allzu belebten Ortsmitte von Baierbrunn werden. "Die Gemeinde wird um die Schmöckerzelle noch einen Spielplatz errichten, sodass man auch mit kleinen Kindern für eine kleine Auszeit dorthin kann", verspricht Patrick Ott. "Das ist gelebte Nachhaltigkeit, die hoffentlich lange in die Zukunft weiter wirkt", so Stefan Zenz, Ortsvorsitzender des Bundes Naturschutz Baierbrunn.

Das Aktionsbündnis "Baierbrunn blüht auf" will künftig noch weitere Projekte kultureller oder sozialer Natur anschieben. Dazu gehört, einen Dorftreff ins Leben zu rufen unter der Maxime "Mittendrin in Baierbrunn": ein "offenes Café" mit Außenbereich und separatem Raum für Workshops und Besprechungen - ein Ort, an dem unterschiedliche Ideen von Bürgern zu Nachhaltigkeitsthemen und Kultur gesammelt und realisiert werden sollen, wie Petra Bokowski erläutert. Dazu gehören etwa Tauschbörsen, Werkzeugverleih, ein Reparatur-Café, ein Unverpackt-Laden, Informationen zu nachhaltigen Investitionen, Kooperativen wie Gemeinschaftsgarten oder eine Genossenschaft für einen Bioladen, aber auch Lesungen, Ausstellungen und Konzerte und Kreativ-Workshops.

Eine Eröffnungsfeier rund um die neue, bunte Schmökerzelle wird es dann voraussichtlich in diesem Sommer geben, in Form eines Bücherfestes. Leseratte und Feierbiest, das schließt sich ja nicht aus. Und die Kulturtechnik des Feierns wird - trotz derzeitiger Einschränkungen - sicherlich nie aus der Mode kommen.

© SZ vom 05.02.2021
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