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Aying:Bürgermeister mit Bodenhaftung

"Ich werde der Peter Wagner bleiben, den alle kennen", verspricht der neue Ayinger Bürgermeister. Und es kennen ihn viele, da er in mehreren Vereinen aktiv ist. Spezlwirtschaft werde es mit ihm aber nicht geben, versichert Wagner, der im Nebenerwerb eine Landwirtschaft betreibt.

(Foto: Claus Schunk)

Der Peißer Peter Wagner will ganz Aying vertreten. Der CSU-Mann findet, "im Kommunalen hat Parteipolitik nichts zu suchen". Bei kniffligen Fragen kann er auf den Rat seines Vorgängers Johann Eichler zählen

Die Kunst, 19 Ayinger Ortsteile zu einem schmucken Ganzen zu verschmelzen, hat bislang die Haushamer Goldschmiede Geissler am perfektesten beherrscht. Exakt 19 Gramm Gelbgold arbeitete sie in die Bürgermeisterkette ein, in die auf dem Wappen befindliche Märtyrerpalme und die beiden Kronen sowie in die 19 Silberglieder, auf die sie alle Ortsnamen - von Aying bis Unterschops - in goldenen Lettern verewigte. Am Dienstag bei der um 19 Uhr beginnenden konstituierenden Sitzung des Gemeinderates in der Turnhalle in Großhelfendorf wird Ex-Bürgermeister Johann Eichler (PWH) seinem Nachfolger Peter Wagner (CSU) das edle Insigne um den Hals legen. "Ich hab ein breites Kreuz dafür", sagt der 35 Jahre alte Kälteanlagenbauer und Betriebswirt schmunzelnd, und lässt offen, ober er damit die Amtskette meint oder das Abenteuer, auf das er sich mit dem Dienstantritt am 1. Mai offiziell eingelassen hat.

Breite Schultern hat der Mann hat wirklich, was bislang vor allem bei seiner Arbeit als Landwirt im Nebenerwerb hilfreich war. Zusammen mit den Eltern betreibt der ledige Sohn im Ortsteil Peiß, in dem er seit seiner Kindheit "dahoam" ist, einen bäuerlichen Betrieb. Ob sein breites Kreuz nicht nur das schiere Gewicht der Amtskette schultern wird, sondern auch die Bürde des Amtes tragen kann, wird sich zeigen, Wagner ist in dieser Hinsicht zuversichtlich. Was er für sich persönlich erwarte, hatte er bereits einen Tag nach seinem knappen Sieg in der Stichwahl gegen Hermann Oswald (PWH) kundgetan: "Ich weiß, dass für mich jetzt die wahrscheinlich anspruchsvollste und beeindruckendste Zeit meines Lebens beginnt." Und dann schickte er noch zwei Versprechen nach, das erste: "Ich werde sicher nicht abheben, nur weil ich jetzt Bürgermeister werde." Das nimmt man ihm ab, wirkt er doch bodenständig und scheint wie sein Vorgänger nicht allzu anfällig für Eitelkeiten zu sein. Sein zweites Versprechen dagegen wird für ihn schwer werden, es einhalten zu können: "Ich werde der Peter Wagner bleiben, den alle kennen." "Wirst du nicht", könnte ihn sein Amtsvorgänger Hans Eichler korrigieren. "Dieses Amt verändert einen, man wird misstrauischer", sagte kürzlich der von 1996 bis 2020 "im schönsten politischen Beruf der Welt" waltende Gemeindechef und berichtete von seiner anfänglichen Naivität und von Versuchen, etwa bei Bauanträgen, ihn über den Tisch zu ziehen. Solche Versuche seien auch bei ihm sinnlos, sagt Wagner, käme ein Bekannter damit bei ihm an, würde er sagen: "Es hilft dir jetzt leider gar nichts, wenn du ein Spezl bist." Wenn man so was "nicht abkann", dann dürfe man sich für dieses Amt nicht bewerben", meint er.

Auf die Hilfe von Johann Eichler, auf die Ratschläge des Bürgermeister-Profis, kann Peter Wagner auch weiter zählen, und der Neuling ist dankbar dafür, zumal seine "Lehrzeit" in die Pandemiezeit fällt.

Noch in der Nacht seines Wahlsieges hatten er und Eichler in einem offenen Brief an die Ayinger Bevölkerung versichert, dass sie auch über den Zeitpunkt des Amtswechsels hinaus so intensiv und so lange zusammenarbeiten, wie es die Krisensituation erfordere. Aber auch die Termine für Bürgermeisterkurse, die der Gemeindetag oder die Hanns-Seidel-Stiftung heuer anbieten, hat er schon notiert, und einen Rhetorik-Kurs im Kloster Banz hat er vor Jahren schon absolviert , was ihm schnell nützlich war - für eine Grabrede, die er eine Woche nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Spielhahnschützen Aying-Peiß halten musste. "Ich habe gezittert und wusste nicht, ob wegen der Kälte oder der Aufregung", erinnert sich der Peißer, den im Ort fast jeder kennt, als Burschenvorstand, Gruppenführer bei der Ayinger Feuerwehr und als ersten Schützenmeister bei den Spielhahnschützen. Welche Ämter er möglicherweise aufgebe, werde sich ergeben, sagt Wagner, aber seine Funktion bei den Schützen wolle er beibehalten.

Der neue Bürgermeister ist nicht in das von Johann Eichler verlassene Büro im Ostteil des Rathauses gezogen, sein Dienstzimmer wurde im alten Sitzungssaal eingerichtet - zumindest in Teilen. Die bestellten Büromöbel sind noch nicht geliefert werden. Aber er habe inzwischen alle Rathausmitarbeiter persönlich kennengelernt und habe inzwischen eine Ahnung vom Tagesverlauf eines Bürgermeisters. Er würde gerne alle Gemeinderatsmitglieder zu einem Klausur-Wochenende einladen, was derzeit wegen Corona nicht möglich sei. "Vielleicht später mal", sagt der neue Bürgermeister, erinnert aber an ein entsprechendes Angebot von Johann Eichler vor sechs Jahren, das allerdings nur vier Gemeinderäte annehmen wollten. Dieses Mal könnte ein Klausurwochenende aber sinnvoller sein als je zuvor, im von 16 auf 20 Mitglieder angewachsenen neuen Gemeinderat sitzen acht Neue.

Es ist in Aying Tradition, dass sich alle im Gremium der Sache und nicht der Fraktion verpflichtet sehen, und die in Abstimmungen Unterlegenen zwar gelegentlich murren, aber den Beschluss schließlich akzeptieren und nicht mehr lange nachtarocken. Auch unter der Regie des neuen Bürgermeisters sollen die geschätzten Sitten und Gepflogenheiten des alten Gemeinderates gepflegt werden, er selbst hat sich dazu bereits verpflichtet: "Es gibt CSU-Themen, und ich bin CSUler, aber im Kommunalen hat Parteipolitik nichts zu suchen." Peter Wagner also will Bürgermeister für alle sein. In seinem Herzen sicher auch für seinen wenige Tage nach seinem Triumph verstorbenen größten Fan, seine Großmutter. "Aber sie hat sich noch richtig gefreut, als ihr Enkel Bürgermeister wurde", sagt der neue Rathauschef.

© SZ vom 11.05.2020

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