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Aussstellung:Lust am Experiment

Diverse Künstler öffnen am Wochenende ihre Ateliers in Ottobrunn. Die Besucher dürfen dabei selbst zum Pinsel greifen

Ulrike Ganter steht vor einer Wand voller farbgewaltiger Bilder und sagt mit heiligem Ernst in der Stimme, dass man manche Dinge einfach so hinnehmen müsse. Etwa, wenn sie Blattgold mit Oxidationslösung besprüht und sich ein feines Netz über eine türkise Fläche legt. "Das kann man dann nicht mehr beeinflussen."

Dass sich das oxidierte Blattgold in Ganters Bild ziemlich gut macht, davon kann sich an diesem Wochenende jeder selbst überzeugen. Er kann die Unterhachingerin auch fragen, warum sie bei diesem Bild ausgerechnet Champagnerkreide verwendet hat, oder bei jenem Spuren von Rost enthalten sind. "Augenblicke - Schulterblicke" sind die sechsten offenen Ateliertage der Ateliergemeinschaft S18 überschrieben, die wegen ihrer Adresse an der Siemensstraße 18 so heißt.

Und nicht nur Ganter beantwortet dann Fragen: Neben der Unterhachingerin gehört noch Hans Trusmann zu der Ateliergemeinschaft, der seit 40 Jahren ausschließlich weiße Bilder malt. Aber auch Sabine Zacharski, Regine Schmutterer, Henny Geldermann und Annegret Poschlep, die als Kunstdozentin mit ihrer Malschule "Annrot" alle zusammengebracht hat, haben hier künstlerisch ein Zuhause gefunden. Zu den offenen Ateliertagen wird außerdem die Schmuckdesignerin Christina Werle anwesend sein. Besucher können sich bei der Aktion "Selbst malen!" auf einer kleinen Leinwand sogar erstmals künstlerisch betätigen. Und im Idealfall am Ende ein eigenes, kleines Gemälde mit nach Hause nehmen.

Ottobrunn, S18 Ateliers, Offene Ateliertage, Siemensstraße 18,  Foto: Angelika Bardehle

Mit Schwung ans Werk: Ulrike Ganter bei der Arbeit.

(Foto: Angelika Bardehle)

Poschlep hat keine Zweifel, dass sich die Leute spontan herantrauen werden an die Malerei. Notfalls müsse man sie eben zu ihrem Glück zwingen. Die Kunstlehrerin aus Giesing sitzt mit Geldermann, Ganter und Zacharski an einem langen, weißen Tisch. Draußen an der Siemensstraße verbreiten quadratische Bauten architektonische Reizlosigkeit, drinnen aber dient jeder Zentimeter der Kunst: Auf rund 130 Quadratmetern hat sich die Gruppe 2012 einen Ort geschaffen, der weit mehr ist als das Klischee von Pinsel, Palette und Staffelei. In der Ateliergemeinschaft S18 verleihen Steinmehle den Bildern die Struktur vertrockneter Erde, die Frauen schichten Wachs über Farben. Sie lassen Metall oxidieren, beherrschen alte Drucktechniken wie die Monotypie - und fertigen im Fall von Poschlep dann und wann nicht nur luftig-leichte Aquarelle, sondern können Farbe so über ein Bild laufen lassen, dass sie sich wie ein zarter Schleier über das Gesicht einer exotischen Schönheit à la Gaugin legt.

Nur ihrer Arbeit eine Definition aufzunötigen, damit tun sich manche doch schwer. Welche Stilrichtung? "Schwer zu sagen", sagt Sabine Zacharski. "Ich habe keinen besonderen Malstil, ich probiere unwahrscheinlich viel aus", sagt auch Ganter. "Zeitgenössische, experimentelle Malerei", springt Poschlep ihren Schülerinnen zur Seite, das treffe auf beide zu. "Danke", sagt Zacharski. Wichtiger als umfangreiche Beschreibungen ist ohnehin die Begeisterung für die Kunst, und an der mangelt es den Frauen sicher nicht. Im Gegenteil: Die Ottobrunner Ateliergemeinschaft ist ein Beispiel dafür, dass Quereinsteiger häufig mit mehr Leidenschaft und Experimentierfreude auffallen als die Absolventen von Kunsthochschulen. Es sei sogar schon vorgekommen, erzählt Sabine Zacharski aus Waldperlach, dass ihr Mann abends um 19 Uhr im Atelier angerufen habe. Wissen wollte, wo sie denn bleibe, sie habe doch zum Essen zurück sein wollen. Die anderen Frauen lachen. "Kennen wir auch, solche Situationen", sagt dieses Lachen.

Mit 55 ist Zacharski die Jüngste, Poschlep ist 74, Ganter 72. Und Geldermann, die den reduziertesten Stil von allen pflegt und in ihren ironisch angehauchten Bildern mit Tusche, Acryl und Bleistift auskommt, ist 77 Jahre alt. Die Geschichten der Frauen ähneln sich: Schon als Kinder malen sie gern, erlernen aber lieber einen Beruf, der ihnen finanzielle Sicherheit bietet - und finden erst in der zweiten Lebenshälfte, mit Beginn der Rente, zur Kunst zurück. "Ich habe als Finanzbuchhalterin das Geld verdient, das ich mit der Malerei ausgegeben habe", sagt Annegret Poschlep. Die Meisterkurse, die sie etwa an der Kunsthochschule in Bad Reichenhall belegte, die Materialen, Leinwände, Farben, das alles kostete natürlich. Bei Ganter, der Bibliothekarin, waren es die Kollegen, die ihr zum Abschied einen Malkurs schenkten. "Das war ein solcher Volltreffer, dass ich immer noch dabei bin."

Doch alleine vor sich hinzuwerkeln, das wäre den Frauen zu wenig. Sie betreiben ihre Kunst mit Ambition, stellen ihre Bilder aus, wollen gesehen werden - und natürlich auch gekauft. Sabine Zacharski hat gerade erst in Weiden in der Oberpfalz ausgestellt. Sie hievt eines ihrer großformatigen Werke hoch, lehnt es im Flur gegen die Wand. Dunkel wie die Nacht, petrolfarben wie ein Bergsee und ätherisch wie der Himmel an einem kalten Herbstmorgen schieben sich Blautöne darauf ineinander und übereinander. Eine vielschichtige Collage, bestehend aus Acryl, Wachs und dem Foto einer urbanen Landschaft, das sie anschließend bearbeitet hat. "Cyanotypie", sagt Zacharski. Eine ganz alte Fotodrucktechnik. Noch so eine, die von Materialien und Techniken einfach nicht genug bekommt.

Die offenen Ateliertage an der Siemensstraße 18 in Ottobrunn dauern an diesem Samstag und Sonntag jeweils von 12 bis 18 Uhr.