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Auftreten vor Publikum:Glaube zum Klingen bringen

Kirchen setzten derzeit auch Profimusiker für die Gottesdienstgestaltung ein - mit Entlohnung

Von Daniela Bode, Ottobrunn

Für Profimusiker waren die vergangenen Monate besonders hart und so ist es bis jetzt. Wegen der Corona-Pandemie brach der Konzertbetrieb weg und damit für viele auch ein Großteil ihrer Einnahmen. Ein kleiner Lichtblick ist es da, dass manche Kirchen in Gottesdiensten freie Musiker engagieren, auch im Landkreis München. Und das, obwohl diese selbst auf ihr Geld schauen müssen. Da seit Mitte März keine Gottesdienste stattfanden, fielen die Kollekten aus diesen Wochen weg und sind noch immer gering, da nur ein Bruchteil der sonst üblichen Teilnehmer in den wieder stattfindenden Gottesdiensten anwesend sein darf. Angesichts der Lage für die Musiker hatte zudem die Deutsche Orchestervereinigung vor ein paar Wochen einen Appell an die katholische und evangelische Kirche gerichtet, freie Musiker in den Gottesdiensten auftreten zu lassen und diese auch zu bezahlen.

Die evangelisch-lutherische Michaelskirchengemeinde in Ottobrunn hat in den vergangenen Monaten öfter Profimusiker in den Gottesdiensten eingesetzt. Zu Beginn der Schließungen wegen der Corona-Pandemie standen die Ostertage an, die normalerweise sehr feierlich begangen werden. "Wir dachten uns, wir können nicht einfach gar nichts machen", sagt Christoph Demmler, Kirchenmusiker der Michaelskirchengemeinde und Dekanatskantor für das Prodekanat München-Südost, das Stadtteile wie Berg am Laim genauso umfasst wie Gemeinden wie Ottobrunn und Oberhaching. So bot die Michaelskirchengemeinde digitale Gottesdienste an. "Gerade bei digitalen Angeboten ist es wichtig, auch Qualität zu liefern. Da waren wir froh, dass wir auf viele gute Musiker aus der Region zurückgreifen konnten", sagt er. So engagierte er etwa für den Ostergottesdienst in der Michaelskirche in Ottobrunn ein Bläsertrio mit Flöte, Oboe und Fagott und am Karfreitag ein Vokalquartett, das Bachchoräle sang. Es war eine Art Win-Win-Situation: Die Musiker hatten so den einen oder anderen Auftritt, die Kirche konnte das Manko bei der Kirchenmusik, die auch nicht stattfand, etwas auffangen.

Auch jetzt, wo Gottesdienste wieder mit Besuchern gefeiert werden, setzt die Ottobrunner Kirchengemeinde zu besonderen Anlässen noch Profimusiker ein. Kirchenmusik war und ist noch immer nicht im bisher üblichen Maß möglich. Die Kirchenchöre durften bis zuletzt nicht proben, zudem soll so wenig wie möglich gesungen werden. An Christi Himmelfahrt hatte Demmler etwa den Trompeter Thilo Steinbauer engagiert, der sonst unter anderem regelmäßig im Münchner Kammerorchester spielt. Er spielte an Himmelfahrt beim Gottesdienst auf der Eichendorffwiese. Auch am Ostersonntag war er bereits vom Kirchturm der Michaelskirche aus zu hören.

So dicht wie hier bei der Aufführung von Händels "Messias" werden sich in der Ottobrunner Michaelskirche die Musiker so schnell nicht mehr drängen. Immerhin gestalten dort aber Solisten und kleine Ensembles die Messe musikalisch - und Laienchöre dürfen seit dieser Woche wieder proben.

(Foto: Claus Schunk)

Für die Musiker ist so ein Engagement in dieser Zeit von einiger Bedeutung: "Für die Möglichkeiten, nach vielen Wochen wieder für ein auch physisch anwesendes Publikum spielen zu dürfen, war ich sehr dankbar. Digitale Konzertbesuche sind zwar eine tolle Erweiterung des Konzertbetriebes, werden aber nie das ,analoge' Konzerterlebnis ersetzen können", sagt Steinbauer. Nachdem er am Ostersonntag vom Turm der Michaelskirche gespielt hatte, habe man ihm berichtet, dass sein Spiel manch einen der Anwesenden zu Tränen gerührt habe. "Tiefgehend zu berühren, das gehört für mich zum Besten, was durch Musik passieren kann und ist sinngebend für meine Arbeit", sagt Steinbauer. Seit zahlreiche Konzerte abgesagt waren hatte sich, wie er erzählt, beim Üben eine Art Ziellosigkeit eingestellt. Aus der neuen Lage heraus sei aber sein intrinsisches Bedürfnis zu musizieren wieder deutlich spürbar geworden. Er verweist außerdem auf den Münchner Opernintendanten Nikolaus Bachler, der in einer Youtube-Videobotschaft "schön auf den Punkt gebracht hat", dass "Kunst Lebensmittel und nicht Genussmittel" sei.

Natürlich muss auch die Michaelskirchengemeinde auf ihr Geld schauen. Demmler schätzt grob, dass in den Wochen seit Mitte März Kollekten im unteren vierstelligen Bereich weggefallen sind. Jede Woche einen Profimusiker zu engagieren, das könnten sie nicht bezahlen, sagt er. Daher setzten sie sie gezielt ein. Ein Eins-zu-Eins-Ersatz für die Gottesdienste mit vielfältiger Chormusik ist der Einsatz von Musikern natürlich nicht. "Unsere Gemeinde lebt sehr stark davon, dass die Chöre auftreten", erklärt Demmler. Dennoch sei er sehr froh, dass durch die Auftritte der Musiker eine sehr gute Qualität und ein reichhaltiges Angebot an Musik ermöglicht werde.

Ob die Kirchen freie Musiker einsetzen, hängt natürlich von der individuellen Situation ab. Demmler ist in Kontakt mit anderen Pfarreien und weiß von großen Kirchen in München wie St. Matthäus und der Himmelfahrtskirche, dass diese ebenfalls Profimusiker in Gottesdiensten haben spielen lassen. Von der Erzdiözese beispielsweise gibt es keine Vorgabe, nur dass bei Gottesdiensten "das Schutzkonzept angesichts der Pandemie eingehalten werden muss", sagt Hendrik Steffens, Redakteur der Pressestelle des erzbischöflichen Ordinariats München.

Kantor Christoph Demmler liebt gute Kirchenmusik.

(Foto: Claus Schunk)

Ob freie Musiker eingesetzt würden, obliege den Pfarreien. So arbeitet etwa der Pfarrverband Vier Brunnen-Ottobrunn laut Pfarrer Martin Ringhof nicht mit freien Musikern, "da wir über genügend eigene Kräfte wie Kirchenmusiker und ehrenamtliche Musiker verfügen". Auch der Pfarrverband Unterhaching setzt laut Pfarrer Axel Windecker keine freien Musiker ein, da dort ein Kirchenmusiker mit nahezu einer Vollzeitstelle beschäftigt sei. Dass nicht gesungen werden dürfe in den Gottesdiensten, empfindet der Pfarrer als schwierig. Als eine Art Ersatz spiele er Taize-Lieder ein. In manch anderer Pfarrei indes ist die finanzielle Lage so angespannt, dass der Einsatz freier Musiker schlicht nicht machbar ist. Pfarrer Carsten Klingenberg von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Ismaning-Unterföhring berichtet davon, dass die Finanzlage seit dem Kirchenbau vor elf Jahren schwierig sei und die Pfarrei noch Schulden von etwa 200 000 Euro habe. "So kann man sich vorstellen, dass ein Engagement von Musikern gegen Gage nicht realisierbar ist", schreibt er.

Sowohl für die Kirchenmusik als auch für die Profimusiker gibt es einen Hoffnungsschimmer. Von dieser Woche an dürfen in Bayern Laienchöre wieder proben. Auch die Chance für Auftritte dürfte für Musiker wieder besser werden, da Kulturveranstaltungen mit bis zu 100 Personen in Innenräumen und mit bis zu 200 im Freien wieder erlaubt sind.

© SZ vom 27.06.2020

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