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Schuldnerberatung:"Die Altersarmut wächst"

Inge Brümmer arbeitet seit elf Jahren in der Schuldnerberatung. Seit einem Jahr ist die 56-jährige Niedersächsin auch Leiterin der Beratungsstelle.

(Foto: privat)

Die Schuldnerberatung wird 25 Jahre alt. Die Fallzahl hat sich seit 1990 verzehnfacht

Von Hannah Knuth, Laim/Schwanthalerhöhe

Seit 25 Jahren bietet die Schuldnerberatung im Gewerkschaftshaus kostenlose Beratungen für Menschen mit Überschuldungsproblemen. Finanzieren tut das die Stadt München. Zur Jubiläumsfeier am heutigen Freitag, 9.30 Uhr, im Alten- und Service-Zentrum Laim sprach die SZ mit der Leiterin der Beratungsstelle Inge Brümmer über Veränderungen in der Schuldnerberatung.

SZ: Wie hat sich die Schuldnerberatung über die 25 Jahre entwickelt?

Inge Brümmer: Im Jahr 1990 haben wir 38 Fälle betreut, mittlerweile sind es 408, davon 260 in der Langzeitberatung und 148 in der Kurzzeitberatung. Auch unsere Mitarbeiterzahl hat sich verdoppelt: Anfangs waren es nur drei, heute sind es sechs Beraterinnen und zwei Verwaltungskräfte.

Welche Gründe für Überschuldung gab es früher, welche gibt es heute?

An den Ursachen hat sich nicht viel geändert: Die drei Hauptgründe sind noch immer Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Trennung. 15 Prozent unserer Klienten sind 25 Jahre alt oder jünger, bei ihnen ist die gescheiterte Selbständigkeit ein häufiger Grund. Auch die Unkenntnis über Langzeitverträge, etwa beim Handy, führt die jungen Erwachsenen in die Überschuldung. 14 Prozent unserer Klienten sind Senioren, viele von ihnen scheitern daran, sich auf das Renteneinkommen einzustellen. Gerade die Beratung der Senioren wird in den kommenden Jahren ein größeres Thema sein, denn die Altersarmut wächst.

Gibt es Veränderungen in der Art der Verschuldung?

Ja, es werden heute viel mehr Kleinkredite aufgenommen, weil das Ratenzahlen von etwa Laptops oder Haushaltsgeräten im Laufe der Zeit beliebter geworden ist. Durch die Verschärfung der Sozialleistungsgesetze 2005 kommen im Vergleich zu früher auch immer mehr Leute, die im Sozialleistungsbereich, zum Beispiel beim Jobcenter, Schulden haben oder Rückforderungen erhalten.

Wie gehen diese Leute mit ihren Problemen um?

Viele Klienten sind in sozial- oder psychotherapeutischer Behandlung, oft auch auf unsere Empfehlung hin. Psychische Krankheiten spielen eine große Rolle. Das ist ein Wechselspiel: Schulden verursachen krankmachende Lebensumstände, umgekehrt lösen Krankheiten oft erst Verschuldung aus. Gerade da trifft es auch die Leute mit gutem Einkommen, die ihr Leben bisher problemlos finanzieren konnten.

Hat sich die Arbeit der Berater verändert?

Ja, seit der Einführung des Insolvenzverfahrens 1999 können wir Schulden sicherer regulieren. Was nicht heißt, dass wir sie für unsere Klienten erledigen. Wir geben keine Entscheidungen vor - das ist am Ende ihre Aufgabe. Und dafür braucht es manchmal mehrere Anläufe: Viele müssen erst verstehen, dass der Weg aus der Überschuldung ein Prozess ist. Wenn das verstanden ist, bleiben die meisten am Ball.

© SZ vom 09.10.2015
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