Laim Ein Klang verhallt

Die Gebäude der ehemaligen "Kunst- und Glockengießerei Gebrüder Oberascher" in Laim können nach Auskunft des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege nicht dauerhaft geschützt werden. Nun droht der Abriss

Von Andrea Schlaier, Laim

Würden die prächtigen Glocken, die an der Laimer Mitterhoferstraße einst gegossen wurden, allesamt gleichzeitig schwingen, das gewaltige Geläut wäre wohl bis weit über die Stadtgrenzen hinaus vernehmbar. Die "Kunst- und Glockengießerei Gebrüder Oberascher" war vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der Münchner Adressen für alles, was in der Stadt Klang und Namen hatte. Angefangen vom vergleichsweise zierlichen, dafür um so prominenteren Ton des Glockenspiels im Rathausturm bis hin zu mächtigen Klangkörpern im Alten Peter und den Frauentürmen. Die Produktionsstätte und das dazugehörige Familiendomizil stehen noch heute an der Laimer Mitterhoferstraße. Doch die Villa soll abgerissen werden, um einem städtischen Neubaukomplex zu weichen. Der Bezirksausschuss versuchte die historische Adresse durch einen Platz auf der Denkmalliste zu retten. Doch dort winkt man ab.

In der Nachbarschaft und auch bei den Mitgliedern des Bezirksausschusses gilt die in einen Garten gebettete Villa als Perle in der sie umgebenden Wohnblock-Landschaft. Flankiert von vergleichsweise nüchternen Funktionsbauten halten das einstige Oberascher-Wohnhaus und die Glockengießerei dahinter die Stellung, bilden gewissermaßen ein Guckloch in die Historie des Viertels. Doch das Wohnhaus steht den Neubauplänen der Stadt mittlerweile im Weg - auf dem Grund und drumherum sollen 75 Wohnungen und kleine Gewerbeeinheiten für Flüchtlinge mit humanitärem Bleiberecht entstehen.

Steht die Form, aus Lehm gebrannt: In den Werkhallen der Gebrüder Oberascher entstanden auch die Glocken für den Alten Peter und die Frauenkirche.

(Foto: Josef Stöger)

Gegen das Projekt, so heißt es in der Stadtviertelpolitik, habe man rein gar nichts; da will man sich nicht falsch verstanden wissen. Nur, so Bauausschuss-Chefin Anette Zöllner (CSU), "gegen das Maß der Verdichtung" habe man was und auch dagegen, dass die alte Villa abgerissen werden soll. Deshalb versuchten die Laimer, was in solchen Fällen immer gerne versucht wird: Sowohl die Villa und in dem Zuge gleich auch die im hinteren Teil des Grundstücks liegende ehemalige Glockengießerei, deren Abriss nicht geplant ist, sollen auf die Denkmalliste des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege gesetzt werden.

Doch bereits im Sommer war die Resonanz auf diesen Vorstoß vernichtend: Für das Gebäude der Glockengießerei könne keine Denkmaleigenschaft ausgemacht werden, teilte die Behörde mit. Und wie das Planungsreferat dem Bezirksausschuss inzwischen mitgeteilt hat, gibt es auch für die Fabrikantenvilla kein entsprechendes Siegel. Das Landesamt begründet das so: "Das Wohnhaus ist ein nur über die Massen gegliederter, schlicht gehaltener Bau. Der Grundriss des Gebäudes ist konventionell angelegt."

Nun geht es um den Erhalt der Villa an der Mitterhoferstraße.

(Foto: Josef Stöger)

Längst haben sich auch die Nachbarn des Komplexes kritisch geäußert, einige davon meldeten sich unlängst bei der Laimer Bürgerversammlung zu Wort: "Das ist die letzte grüne Oase in der Gegend", befand ein Laimer. Der Antragsteller und mit ihm die Mehrheit der 350 Versammelten votierte dafür, dass die Landeshauptstadt prüfen soll, wie man das gesamte Ensemble vor dem Abriss bewahren könne. Dem schloss sich auch seine Nachrednerin an, die die Mitterhoferstraße von einem "Bau ohne Maß" verschont wissen wollte und sich dafür aussprach, beide Gebäude unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Schließlich handele es sich nach ihrer Einschätzung "um die einzig für München erhaltene Glockengießerei" - mithin ein Stück Stadtgeschichte.

Die Glockengießerei Oberascher selbst hatte ihren Stammsitz in Salzburg und wurde dort 1618 als fürstbischöfliche Hof- und bürgerliche Stuck- und Glockengießerei gegründet. Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnete die Münchner Zweigstelle, in der sich die Brüder Rupert und Rudolf Oberascher niederließen. Die Umstände haben die Mitglieder des Historischen Vereins Laim detailliert erforscht, nachdem Vereinsfotograf Josef Stöger Kontakt zu einer Erbin hergestellt hatte und Einblick in historische Dokumente nehmen durfte.

Die Werkhallen der Gebrüder Oberascher.

(Foto: Josef Stöger)

Rudolf Oberascher führte demnach den Betrieb bis in die Fünfzigerjahre. "Münchens letzter Glockengießer", so berichtete die Münchner Stadtchronik 1956, "ist nach Vollendung seines 80. Lebensjahres gestorben". Sein letztes Werk, die Glocke für die Kirche des Schwabinger Krankenhauses, entstand im Jahr 1952. Rudolfs Tochter Hermine Oberascher, erzählt der Laimer Historiker Josef Kirchmeier im Laimer Almanach 2015/2016, wohnte bis zu ihrem Tod im Familiendomizil an der Mitterhoferstraße, wo sie im Oktober 2011 im Alter von 94 Jahren starb. Die einstige Wirkungsstätte ihres Vaters, die Glockengießerei, wird noch heute von einem metallverarbeitenden Betrieb genutzt. Eine Glocke kündet im offenen Turmaufsatz des historischen Komplexes von der handwerklichen Vergangenheit.

Die Stadtviertelpolitiker wollen, so erklärt Bezirksausschuss-Chef Josef Mögele (SPD), weiter versuchen, die Villa als Symbol für die einst so prominente Wirkungsstätte zu retten. Und er fügt hinzu: "Wie wir das nach Ablehnung unseres Antrages auf Denkmalschutz machen, können wir aber noch nicht genau sagen."