Laim Beherzt und selbstbewusst

In der vor sich hin bröckelnden Siedlung "Alte Heimat" in Laim sind die zum Teil behinderten Bewohner zu Recht stolz auf ein neues Lebensgefühl. Sie haben den Umgang mit der Politik gelernt - und werden ernst genommen

Von Andrea Schlaier, Laim

Scham überkam Georgia Diesener, als sie vor acht Jahren hierher gezogen ist. Die große Frau mit dem silbergrauen Kurzhaarschnitt legt die gepflegten Hände zum Tunnelblick an die Schläfe: "Ich habe gedacht, Mensch, wo bist du denn da gelandet, nicht links und rechts geschaut und mich schnurstracks in meine Wohnung gerettet." Wenn man ein Leben lang als Grafikerin gearbeitet hat, legt man ästhetische Ansprüche im Alter nicht ab. Auch nicht, wenn man gezwungen ist, wegen der kargen Rente aus einem gutbürgerlichen Viertel in eine Gegend zu ziehen, in der bröckelnder Putz an den Mietsblöcken noch das Geringste ist.

Die "Alte Heimat" im äußersten Osten Laims ist nach dem Krieg als Bürgerstiftung für ausgebombte Münchner gegründet worden. Heute leben in den heruntergekommenen Zeilen vorwiegend ältere Menschen mit kleinem Budget, körperlich wie geistig Behinderte und inzwischen auch junge Migrantenfamilien - insgesamt an die 1000 Menschen. In großem Stil will die Stadt die bröselnden und barriere-bewehrten Mehrstöcker nun sanieren beziehungsweise komplett erneuern. Noch in diesem Jahr soll es losgehen. Allein die bloße Ankündigung hat die Bewohner bis ins Mark erschreckt, denn: Wo sollen sie bleiben, wenn ihr Lebensraum komplett in die Mangel genommen wird? Bereits im Jahr 2012 hatten sich einige von ihnen zum Arbeitskreis Alte Heimat (Aha) mit dem Ziel zusammengeschlossen, die Nachbarn aktiv in die gewaltige Umgestaltung miteinzubinden. Und der Arbeitskreis, dem auch Georgia Diesener angehört, hat seither viel bewegt.

Die Menschen, die im Karree Zschokke-/Hans-Thonauer-/Burgkmairstraße leben, haben in der Regel keine Übung im institutionellen Aufbegehren; es ist mehr ein Vor-sich-hin-Schimpfen. Innerhalb weniger Jahre hat sich der stetig wachsende Arbeitskreis bemerkenswerte Fertigkeiten im Umgang mit Behörden und Politik angeeignet. Angelernt wurden sie von einem Profi: Hester Butterfield, Sozialmanagerin, Dozentin an der Stiftungsfachhochschule München und Vorsitzende des Jane-Adams-Zentrums für bürgerschaftliches Engagement. Letzteres ist bis dato der von der Stadt finanzierte Träger der "quartiersbezogenen Bewohnerarbeit". In Kooperation mit dem regionalen Vernetzer sozialer Angebote "Regsam" hat Butterfield der Gruppe das Handwerkszeug zur Umsetzung der eigenen Wünsche geliefert - und ganz nebenbei bürgerschaftliches Selbstbewusstsein: "Meine Aufgabe ist es, den Bewohnern zu zeigen, wie man aus großen Problemen konkrete, praktische Anträge stellt." Sie erläutert ihnen, wie kommunale Strukturen funktionieren und wie Mieter einer städtischen Siedlung Verantwortliche in den Rathaus-Ressorts dazu bringen, sie ernst zu nehmen.

Es fing 2012 damit an, dass man via Stadtratsbeschluss durchsetzen konnte, als Bewohnervertretung in die Sanierung der Siedlung eingebunden zu werden. Das Kommunalreferat vertritt die Stadt als Eigentümerin, die Verwaltung obliegt der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewofag. Einmal im Monat trifft man sich seither in großer Runde, um etwa anstehende Baumaßnahmen oder dringende Reparaturen zu besprechen. Der Aha-Kern trägt seine Erkenntnisse dann umgehend hinaus zu den Nachbarn; Gerüchte sollen erst gar nicht aufkommen.

Wöchentlich können die Mieter auch zur Besprechung des Arbeitskreises in einem Raum mit Schaufenster des Alten-und Servicezentrums am Kiem-Pauli-Weg; mittendrin auch Georgia Diesener und Hester Butterfield. Zwei Seniorinnen klopfen von außen an die Scheibe. "Nur kurz", sagen sie und schieben den Kopf in die Tür, "wer kann uns denn sagen, wie das mit dem Fernseh-Programmieren geht?" Butterfield steht auf, nimmt die Damen in Empfang, klärt Zuständigkeiten. Über das dichter werdende Netzwerk und auch regelmäßige Befragungen durch Butterfields Studentinnen habe man erst erfahren, so die Dozentin, an welcher Stelle vielen der Schuh drückt, wo Hilfe ansetzen könnte und welche Menschen hier überhaupt leben - etwa einige Gehörlose. Für die organisierte man Gebärden-Dolmetscher für eine Bauplan-Runde.

Anträge für Bürgerversammlungen werden in der Wochenrunde geschmiedet, die Stadtspitze zu einem Rundgang eingeladen und auf diesem Weg Ziele umgesetzt: Das Thomas-Wimmer-Haus, das auch zur Siedlung gehört, hat endlich einen zweiten Aufzug bekommen, der erste machte Zicken, und die oft gebrechlichen Bewohner waren dann in ihren Stockwerken eingesperrt. Ein bezahlbarer Zugang zu Kabel-Programmen wurde durchgesetzt, als die Satellitenschüsseln abgeschraubt werden sollten. Mitbewohner Walter Massenhauser, den sie den "Oberbürgermeister des Wimmer-Hauses" nennen, hatte sich dafür stark gemacht - "ein echter Nachbar", lobt Butterfield. Abgesperrte marode Balkone wurden noch vor der Groß-Sanierung instandgesetzt. Christel Festl, Seniorin im Rollstuhl und Aha-Mitglied, erkämpfte sich einen barrierefreien Zugang zu ihrer Wohnung und schaffte es mit der Unterstützung des Teams, dass die Stadtsparkasse den Bankomaten in ihrer Filiale an der Friedenheimer Straße barrierefrei zugänglich macht.

Neben ihr beim Wochentreff sitzt der ehemalige Pfleger Gerhard Rinberger: "Am Anfang haben wir gedacht, gegen die Offiziellen hast du eh keine Chance." Aber jetzt habe er gelernt, dass man was erreichen kann. "Und dass man sich was trauen darf", ergänzt auf der anderen Tischseite lachend Heidi Ordnung. Sie gibt einer jungen Flüchtlingsmutter in der Siedlung neuerdings Unterricht in Bairisch: "Ich hab ihr erklärt, was eine Frau abends sagt, wenn der Mann heimkommt." Seither begrüßt die junge Frau aus Somalia Heidi Ordnung, wo auch immer sich die beiden treffen, mit "I mog di". Koch-Gruppen haben sich gefunden, Hausbesuche werden gemacht, Feste veranstaltet und Pläne für 2016 geschmiedet: Ein Erzählcafé soll es geben, einen PC-Workshop für Gehörlose und ein Reparatur-Café.

"Im Notfall", sagt Irene Lukas, Frau der ersten Stunde beim Arbeitskreis Alte Heimat, "könnten wir jetzt alleine bestehen"; praktisch brauche man Butterfield und ihr Team. Bereits vor Weihnachten wollte der Stadtrat entscheiden, ob Butterfields Jane-Adams-Zentrum auch weiterhin die Trägerschaft übernehmen darf oder sie anderweitig vergeben wird. "Die Entscheidung wurde verschoben, wir wissen nicht, wann das Thema in den Stadtrat kommt", sagt ein Sprecher des Sozialreferates.

Durch das Engagement der vergangenen Jahre hat Georgia Diesener trotz erster negativen Reaktionen eine positive Beziehung zu ihrem Wohnort aufgebaut: "Wenn ich jetzt heimgehe, schau ich nach links, ob die Dichtls zu mir herwinken und ob bei denen, die verreist sind, alles okay ist. Das Leben hier hat sich für mich total verändert."