Kunstprojekt Der fahrende Fotoapparat

Fotokünstlern Vincent Schneuing (22) und Joshua Goodman (26).

(Foto: Contrastpunkt)

Vincent Schneuing, 22, und Joshua Goodman, 26, haben einen Wohnwagen in eine begehbare Kamera umgebaut. Damit machen sie Bilder von Orten, die stark vom Wandel betroffen sind.

Von Louis Seibert

Gut sechs Quadratmeter misst das vielleicht kleinste Fotolabor Münchens. Wenn es sich überhaupt in der Stadt befindet. Es steht auf Rädern. Eingebaut in einen alten Wohnwagen. Beim Betreten fallen zuerst die zwei säuberlich gereinigten Tische mit großen Plastikwannen und eine rot leuchtende Lampe auf. Große Kübel mit Chemikalien stehen daneben. Der kleine Kühlschrank ist prall gefüllt mit Lösungsmittel und Fotopapier. Gekocht wurde hier schon lange nicht mehr. Die Fenster des Wagens sind lichtdicht abgedunkelt. An drei Wänden wurde jeweils ein Loch installiert, weinkorkengroß. Das kleinste Fotolabor Münchens ist zugleich eine begehbare Kamera.

Von außen gesehen glaubt man kaum, dass dieser Wohnwagen von Vincent Schneuing, 22, und Joshua Goodman, 26, zu einem "Raum für visuelles Experimentieren", wie sie es gerne nennen, transformiert wurde. "Das ist ja das Faszinierende an der ganzen Sache. Aus fast allem kannst du eine Kamera bauen", sagt Vincent. Seit vergangenem Sommer erforschen Joshua und er die Phänomene Licht und Raum. Sie nennen ihr Projekt Contrastpunkt.

Freizeit in München und Bayern In der Ledernen nach Las Vegas
Filmprojekt

In der Ledernen nach Las Vegas

Aufbruch, Ausriss und Abenteuer: Julian und Thomas Wittmann fahren mit alten Mopeds quer durch die USA und dokumentieren diese Reise.   Von Amelie Völker

Dafür reisen sie mit ihrem Fotolabor mehrere Monate lang durch Deutschland, Polen und die Slowakei. Mit dem Wohnwagen fotografierten sie Orte, die stark vom Wandel betroffen sind. "Für uns war das ganz wichtig, diese Veränderungen zu dokumentieren", sagt Vincent. So waren sie zum Beispiel in einem ehemaligen Braunkohlerevier, dem ein halbes Dorf zum Opfer gefallen ist. Sie beobachten aber auch Kulturprojekte wie das Kreativquartier, die sich ständig verändern und auf eine unsichere Zukunft blicken müssen. Zusätzlich leiten Vincent und Joshua Workshops. Oder sie stellen ihr Fotolabor in den öffentlichen Raum. Sie gehen auf fremde Menschen zu. "Licht ist etwas scheinbar so Banales. Wir möchten die Menschen an diesem Phänomen teilhaben lassen. Einen Impuls geben, sich Zeit zu nehmen und sich davon überraschen zu lassen", erzählen sie.

Möchte man die Faszination der jungen Münchner für ihr Metier nachvollziehen, so steigt man mit ihnen in die Zeitmaschine. So haben sie eine ihrer selbstgebauten Konstruktionen genannt. Eine kleine abgedunkelte Kammer, die von außen ein bisschen so ausschaut wie ein Ufo. Durch ein winziges Loch dringt Licht hinein. An der Wand, auf der Kleidung und am Körper spiegelt sich plötzlich die Außenwelt wieder, kopfüber und spiegelverkehrt. "Wir können das Licht nicht berühren. Und doch sind wir immer davon umgeben", sagt Joshua. Seine Stimme wird ganz dünn vor Begeisterung. Unter dem Vollbart zeichnet sich ein ruhiges Lächeln ab. Die Zeitmaschine stand bereits in Fußgängerzonen, auf Festivals und in Skatehallen. "Die Leute gehen darin teilweise richtig auf, wenn sie entdecken, wie vielseitig Licht sein kann", fügt er noch hinzu.

Entstanden ist die Idee für das Projekt bei einem Fachkurs in Joshuas Kunsthochschule, für den er aus einer Blechdose eine Kamera bauen sollte. "Später kam dann die Idee auf, einen ganzen Raum zur Kamera zu machen", sagt er. Da Raum in München allerdings ein seltenes und auch teures Gut ist, sahen er und Vincent sich nach Alternativen um. Und schon hatten sie einen Wohnwagen zum mobilen Fotolabor umgebaut. Die Idee kam ihnen nicht verrückt oder abwegig vor. Einfach praktisch.

Junge Leute

München lebt. Viele junge Menschen in der Stadt und im Umland verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Auf dieser Seite werden sie Montag für Montag vorgestellt - von jungen Autoren für junge Leser. Lust mitzuarbeiten? Einfach eine E-Mail an die Adresse jungeleute@sueddeutsche.de schicken. Weitere Texte findet man im Internet unter http://jungeleute.sueddeutsche.de oder www.facebook.com/SZJungeLeute.

Da ihr Labor beweglich ist, platzieren die beiden Münchner ihren Wagen gerne bewusst dort, wo er auffällt. Am Gasteig etwa. Auf Parkplätzen. Vincent nennt das "Intervenieren im öffentlichen Raum". Sie sehen sich und ihre Kunst als Hebel, um Denkanstöße in der Gesellschaft einzuleiten. "Du bist dein eigener Lehrer. Viele Leute erfahren bei uns, wie es ist, ohne Druck zu arbeiten", sagt Joshua. Mit etwas ungekämmten Haaren und den weiten Klamotten strahlt er dabei selbst jene Ruhe aus, die im hektischen Alltag vieler Menschen zu fehlen scheint.

Dieser Alltag werde inzwischen stark beeinflusst durch digitale Handykameras. Einer permanenten visuellen Reizüberflutung. Genau hierin liege die Stärke der analogen Fotografie, davon sind die beiden Aussteiger-Künstler überzeugt. Für ein analoges Foto müsse man sich deutlich mehr Zeit nehmen, ein Bewusstsein für Helligkeit und Bildkomposition entwickeln. "Wenn wir zum Beispiel mit dem Wohnwagen fotografieren, müssen wir die Blende erst ausrechnen", sagt Vincent. "Dafür eröffnen sich uns ganz neue Möglichkeiten des Experimentierens", fügt er hinzu.