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Kunst und Naturwissenschaft:Klangbilder der Stille

Tönender Sonnenaufgang: Eine der ersten bildnerischen Umsetzungen von Vogellauten kommt vom Visualdesigner Rico Reitz. Der hatte sich schon zuvor mit der optischen Darstellung von Naturklängen auseinandergesetzt.

(Foto: Rico Reitz)

Das bayerische Naturkundemuseum Biotopia und die Stiftung Nantesbuch haben Vogelstimmen zur Zeit der Lockdown-Ruhe gesammelt. Die Aufnahmen dienen der Forschung - sie sollen aber auch künstlerisch verarbeitet werden

Von Sabine Reithmaier

Einen Vorteil hatte der Corona-Frühling schon: Überall war es ungewohnt ruhig. Weniger Autos, kaum Flugzeuge, keine lauten Menschengruppen. Die einzigartige Stille beschlossen das bayerische Naturkundemuseum Biotopia und die Stiftung Nantesbuch in Bad Heilbrunn zu nutzen, um den Vögeln Gehör zu verschaffen. Für ihr digitales "Dawn-Chorus"-Projekt sollten Menschen in der ganzen Welt vier Wochen die Zeit vor Sonnenaufgang nutzen, um in ihrer Umgebung Vogelstimmen aufzunehmen. Der Aufruf blieb nicht ungehört: Bis zum 31. Mai wurden mehr als 3500 Aufnahmen über eine Internetplattform in eine Datenbank eingespeist. Und täglich kommen weitere dazu, wie sich auf der interaktiven Klangkarte gut beobachten lässt.

"Wir sind total glücklich über den Zuspruch", sagt Anke Michaelis, Mitglied des Projektleitungsteams und in Nantesbuch zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Akademie. Denn die Initiatoren hatten nicht viel Zeit: Eine digitale "Citizen- Science-Plattform" musste entwickelt werden. Und die Menschen mussten dazu aufgerufen werden, vor ihrem Fenster, auf dem Balkon, im Garten oder im Wald Vogelstimmen mit dem Handy aufzunehmen und so Teil eines internationalen Forschungsprojektes zu werden. In den ersten Maitagen beschränkten sich die hochgeladenen Aufnahmen auf die direkte Umgebung, doch bald folgte Bayern und die restliche Welt dem Aufruf. Derzeit hat das Projekt 66 000 Follower in den Sozialen Medien. Auch der Bund Naturschutz und der Landesbund für Vogelschutz stiegen als Partner ein, riefen ihre Mitglieder zum Mitmachen auf. Mitte Mai wurde "Dawn-Chorus" als offizielles Projekt der "UN-Dekade Biologische Vielfalt" gewürdigt.

Inzwischen finden sich auf der Internetseite unter dawn-chorus.org/vogel-chor Vogelstimmen aus fast allen europäischen Ländern, aber auch aus Japan, Thailand, Sri Lanka, Südafrika und den USA. Und da die meisten Teilnehmer auch Fotos von den Aufnahmeorten mitschickten, kann man sich auch eine gute Vorstellung von der Umgebung machen und sich darüber wundern, wie laut die Vögel um 4.40 Uhr in der Dortmunder Innenstadt zwitschern. Die aktive Sammlung von Dateien für wissenschaftliche Zwecke ist zwar abgeschlossen, trotzdem können immer noch Aufnahmen hochgeladen werden. Die im Mai gesammelten Daten werden nun für Biotopia im Institut für Ornithologie des Max-Planck-Instituts in Seewiesen ausgewertet. Da das Projekt künftig alljährlich im Mai wiederholt wird, um vergleichbares Datenmaterial zu sammeln, hoffen die Wissenschaftler um Biotopia-Gründungsdirektor Michael John Gorman, Erkenntnisse über die Entwicklung der Artenvielfalt zu gewinnen und den Zustand ganzer Lebensräume mithilfe der Klanglandschaften zu analysieren. Aus vielen kleinen Mosaiksteinchen soll ein großes Bild entstehen, vielleicht auch eines, das den drastischen Rückgang der Vögel belegt.

Die Akademie in Nantesbuch betreut die künstlerische Seite und will die Stimmen in Kunst verwandeln, sei es in kleine Animationen, Videos, bildende Kunst oder Musik. Die Gespräche mit verschiedenen Künstlern habe man bereits aufgenommen, sagt Michaelis. Doch es sei noch völlig offen, was daraus entstehen wird. "Vielleicht können wir manche Werke ja sogar aufführen." Den Anfang macht jedenfalls Visualdesigner Rico Reitz, der sich schon eine Weile mit der optischen Darstellung von Naturklängen auseinandersetzt. Er überträgt Vogelgezwitscher in fortlaufende farbige Wellenstrukturen und andere Muster, entwickelt ganz eigene Landschaften. Einen ersten Eindruck vermittelt Thomas Dashubers Film "Stop and listen! - To the Dawn Chorus" (von Minute sechs an auf der Startseite von Dawn Chorus).

Viele der Teilnehmer hätten zu den Aufnahmen auch kurze Texte geliefert, in denen sie sich über künstlerische Umsetzungen Gedanken machten, berichtet Michaelis. Auch darauf werde man eingehen. "Man merkt jetzt erst richtig, was für ein Potenzial in unserer Idee steckt", sagt sie. Über die Internetseite werde man mit den Teilnehmern in Verbindung bleiben. Und spätestens in einem Jahr wieder auf sie zukommen und um neue Aufnahmen bitten.

© SZ vom 09.06.2020
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