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Kulturreihe des Erzbistums:Überirdisch, ach so irdisch

Engel gibt's nicht? An einen persönlichen Schutzengel immerhin glauben auch nichtreligiöse Menschen. In zehn Pfarreien spüren Künstler mit Installationen, Ausstellungen und Konzerten dem Phänomen nach

So weit oben sind die Sterne für den Menschen unerreichbar, das Funkeln am Himmelszelt zoomt sich nur beim Blick durch ein Teleskop ein bisschen näher. Dort oben scheint sich alles, was auf Erden wichtig ist, in der Weite zu verlieren. Es sei denn, etwas holt das Unerreichbare nach unten. Wie Engel zum Beispiel - als Mittler zwischen Himmel und Erde. Es sei denn, die Sterne werden auf künstlich künstlerische Weise irdisch. Der Münchner Multimedia-Künstler Michael Pendry schafft das mit seiner Installation in St. Ludwig. Als einer von jenen, der in der vom Erzbischöflichen Ordinariat München initiierten Reihe "Über Engel" der Frage nachspürt, was jene Boten für die Menschen sind, was sie auslösen. Als einer von jenen, die sich in Münchner Pfarreien mit Installationen, Performances oder Musik auf die Suche nach Engeln und ihrer Bedeutung machen.

Lichtkomposition in Himmelblau: Die Videoinstallation "Unter Flügeln" von Philipp Geist ist in der Heilig-Geist-Kirche zu sehen.

(Foto: privat)

Zig goldene Sterne auf blauem Grund funkeln oben in der Kuppel der Ludwigskirche. Der 1974 in Stuttgart geborene Pendry verwandelt sie in seiner Installation zunächst in Lichtpunkte, aus denen sich plötzlich Porträts von Menschen herauslösen, die mit der Ludwigskirche in Verbindung gebracht werden, wie die Widerstandskämpfer Sophie Scholl (1921 - 1943) oder Walter Klingenbeck (1924 - 1943), der in St. Ludwig getauft wurde. Oder aber Menschen, die ihr Bild in einer Fotobox machen lassen, werden in die Installation eingebunden und selbst zu aufscheinenden Porträts. Pendry, der stets mit seiner Multimedia Art große Räume sucht und braucht, lässt die Besucher ihre eigenen Engelsgeschichten in ein Buch schreiben, projiziert sie später an die Wand. Das Menschliche ist es also, mit dem sich Pendry der Frage nähert, was Engel sein können. "Ich bin kein spiritueller, kein religiöser Mensch", sagt der Künstler, dessen Installationen international Anerkennung finden. Die erste Reaktion, als er gefragt wird, ob er bei dem Projekt der Erzdiözese mitmachen wolle? "Nicht mein Thema, zu kitschig!" Aber es kam anders. Auch weil Pendry, wie er sagt, ja doch glaubt, dass es etwas gebe zwischen Himmel und Erde, das "mich begleitet". Und so erzählt er von jenem Augenblick, der ihn immer wieder in seinem Leben inne halten lässt. Am 31. Januar 2009 entscheidet er sich, doch nicht mit der Air France von Rio de Janeiro nach Paris zu fliegen, sondern mit einem billigeren Flug nach Madrid. Die Maschine nach Paris stürzt über dem Atlantik ab, alle Passagiere sterben. "Da ist etwas passiert mit mir. Ich sehe die Menschen des Air-France-Fluges noch heute vor mir, die mit mir in der Schlange standen." Kein Wunder also, dass Menschen in seiner Installation "Angels" die Hauptrolle übernehmen.

Die Erscheinung unterm Kirchengewölbe: eine Performance in St. Maximilian.

(Foto: Erzdiözese München/Freising)

Pendrys Geschichte steht pars pro toto für viele andere. Die von Momenten erzählen, in denen sich Menschen von etwas Unerklärlichem behütet und beschützt sahen. Die Kulturmanagerin der Erzdiözese München und Freising, Andrea-Elisabeth Lutz, stürzte im Winter auf der vereisten Theatinerstraße. "Ich war bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, blickte ich in Gesichter von Menschen verschiedener Nationen und unterschiedlichen Alters. Alle meinten, dass ich wohl einen guten Schutzengel gehabt hätte." Dieser Satz eint die Menschen. Glaubten sie alle an Engel? Die Idee, dieser einvernehmlichen Verbindung nachzuspüren, war die Geburtsstunde für eine Reihe über Engel. Eine Reihe, in der auf künstlerische, musikalische und tänzerische Weise ihrer Existenz nachgespürt werden darf.

Die Installation von Michael Pendry können die Besucher in St. Ludwig bestaunen.

(Foto: Erzdiözese München/Freising)

Die Suche nach Mitwirkenden begann. Nun finden bis Dezember in zehn Pfarreien in München mehr als 40 Installationen, Ausstellungen, Performances, Konzerte und Vorträge statt. "Unter Flügeln" heißt zum Beispiel die begehbare Videoinstallation von Philipp Geist in der Heilig-Geist-Kirche am Viktualienmarkt (bis 27. Oktober). Gebete in verschiedenen Sprachen und Bildkompositionen werden auf Wände projiziert, abstrakte Engel tauchen aus dem Nichts auf. In der Pfarrkirche St. Maximilian zeigen am 19. Oktober Lichtkünstler, Musiker, Dramaturgen und Tänzer eine Performance (Choreografie: David Russo). Im Westend wird eine Engel-Suite zu hören sein (17. November), in St. Margaret sind drei Ausstellungen zu sehen, und am 20. Oktober findet in der Pfarrkirche "Erscheinung des Herrn" das außergewöhnliche Chorkonzert "Im Schatten deiner Flügel" statt. "Vielflügelig" könnte man das Programm also nennen, das auch deshalb so entstanden ist, weil, wie Andrea-Elisabeth Lutz erzählt, die Künstler bei gemeinsamen Treffen viele Geschichten über ihre Erlebnisse mit Engeln erzählten. "Dieses Erzählen nahm kein Ende", sagt sie. Ein Erzählen von Momenten des Geborgenseins in Situationen der Angst, von unergründlichen Augenblicken des Geführt-Werdens. In der Bibel werde von den Boten Gottes gesprochen, sagt Lutz, die nicht in das Leben der Menschen eingriffen, aber Hinweise gäben.

In Michael Pendrys Installation gibt es plötzlich einen Knall. Es blitzt, es donnert. Alles Sphärische verschwindet: die Lichtpunkte, die Porträts, die Texte. Keine Musik ist mehr zu hören: Egal, was es ist - es ist der Einschnitt im Leben, der etwas verändert. Es ist das nicht Planbare, das Traurige, das den Menschen zum Innehalten zwingt. Und sei es, weil Engel - wie sie auch aussehen mögen - den Menschen "auf Händen tragen"; damit er sich, wie es im Psalm 91 heißt, "nicht an einem spitzen Stein stoße".

"Über Engel": Münchner Pfarreien auf der Suche nach Engeln; bis Mitte Dezember, verschiedene Veranstaltungsorte. Programm und Informationen unter www.erzbistum-muenchen.de/ueberengel.