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Kritik:Poetik des Körpers

Metamorphosen

Zwischen Fetisch und Krankheit: Ikarus' Fall, zeitgenössisch interpretiert von Janne Boere, Serena Landriel und Serena Landriel (von links nach rechts).

(Foto: Marie-Laure Briane)

Ein zweiteiliger Tanzabend am Gärtnerplatztheater

Von Rita Argauer

Ob man sich nur wegen der homofonen Ähnlichkeit von Covid und Ovid für die "Metamorphosen" des Letzteren entschieden hat, sei dahin gestellt. Der antike Gedichtzyklus aber dient als schöne Vorlage für den schnell hingeworfenen zweiteiligen Tanzabend des Gärtnerplatztheaters. Seinszustände, verpackt in poetische Parabeln, vermitteln gerade in der Interkrisen-Kunst den richtigen Zustand für Körper, denen man Selbstbestimmung auf allen Ebenen zurückgeben möchte. Fünf Stücke sind es geworden - alle sind aus der Kompanie des Theaters heraus entstanden, choreografiert und mit Live-Musik umgesetzt worden.

Den ersten Abend eröffnet "Dädalus und Ikarus". Ernst beginnt das Stück zur tollen Cello-Sonate von Ligeti, die Tänzer reliefartig am Bühnenrand wie auf einer griechischen Vase. Doch der Eindruck hält nicht lange. Ikarus' Streben und Fallen wird auf menschliche Körperlichkeit übersetzt. Krücken werden zum Fetisch, der Körper wird unsanft zu Fall gebracht, zwischen Horrorfilm und Babypuppen überlagern sich die Referenzen schließlich zu einem willensstarken aber nicht so unheimlich aussagekräftigen Stück.

Das Formen des eigenen Körpers ist ein Thema unserer Zeit zwischen Bodyshaming und Pride, zwischen Instagram und Genderfluidität. Dieses liegt mal direkter und mal indirekt auch über allen dieser zeitgenössischen Deutungen der "Metamorphosen". "Narziss und Echo" beginnt zu Schostakowitschs 5. Satz aus dem Streichquartett Nr. 8 tragisch vom Kreuzmotiv untermalt, bevor Blitzlicht losgeht und man in herrlicher Flashdance-Manier voller Tanzeslust den Körper mit Aerobic trimmt. "Teiresias" hingegen, das den Abschluss des zweiten Abends bildet, feiert zu Teppo Hauta-ahos "Kadenza" (mit Kontrabassistin Sophie Lücke auf der Bühne) das Geschlechtslose. Kurz hofft man, dass gar nicht mehr passieren möchte als die Körper, die sich in einem riesigen Nylon-Strumpfhosen-Kokon winden und vielleicht einfach so dort zur Musik als bewegte Skulptur einer nicht normativen Körperlichkeit bestehen blieben. Aber die Körper schlüpfen ein wenig pathetisch und feiern schließlich zu Technobeats im ewig hedonistischen Club-Zittern ihr Dasein. Das wirkt - auch weil es in Exzess, Eleganz und Ausdauer lange nicht an Sharon Eyals ganz ähnlich funktionierendes "Soul Chain" heranreicht - dann beinahe ein wenig spießig.

Ganz anders "Deukalion und Pyrra", das voller Performance-Wirrungen die explosive Energie einer Kunsthochschulproduktion hat, völlig irr, aber unterhaltsam. Und zuletzt die Feier des mit der Musik verschmelzenden Körpers im erhaben-modernen "Phaeton". Das ästhetisch an Forsythes "Artefact" erinnernde und tänzerisch traditionellste Stück rührt mit Bachs Violin-Partita, Nr. 2, schüttelt mit dem 2. Satz aus Schostakowitschs Quartett Nr. 8 und lässt am Ende den letzten Jazz-Satz von Frank Protos "Sonata 1963" vor geschlossenem Vorhang stehen. Einzig die seltsam an einen Aerosol-Atompilz erinnernde Videoprojektion holt einen hier unsanft in die Gegenwart.

© SZ vom 14.07.2020

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