bedeckt München 13°

Kritik:Fensterln im Hof

Das Vinzenz spielt spaßig Hitchcock am Garagendach

Von Cora Wucherer

"Fallen Sie nicht nach hinten - und nicht nach vorn!", werden die Zuschauer ermahnt. Nach hinten, das wären vom Campingstuhl aus die Altbautreppenstufen hinunter; und nach vorne, das wäre aus dem ersten Stock in den gepflasterten Neuhauser Hinterhof und damit auf die Bühne. Dort und auf dem Garagendach führt Das Vinzenz "Unsere Fenster zum Hof" auf, ein Remake von Alfred Hitchcocks Film "Das Fenster zum Hof".

Im Thriller von 1954 sitzt ein Fotograf mit gebrochenem Bein in seiner Wohnung fest und beobachtet durchs Fenster seine Nachbarn - und einen Mord. Das Nachspielen am Theater wirft einen komödiantischen Blick hinter die Kulissen: Statt der Filmhandlung steht der Prozess hinter der Kamera im Fokus. Hitchcock tritt selbst auf, in weißem Leinenensemble, dazu kommen der französische Regisseur François Truffaut, die Hauptdarsteller James Stewart und Grace Kelly sowie ein betrunkener Musiker, der hingebungsvoll Saxofon spielt. Die Zuschauer nehmen von ihren Plätzen im Hof und an den Fenstern der Blutenburgstraße die Beobachterrolle ein.

Die Inszenierung von Regisseur Jochen Strodthoff ist schlicht: Wasserflaschen werden zum Fernglas, Garagenlampen zum Blitzlicht. Dabei steht nicht wie beim Meister der Suspense die Spannung im Mittelpunkt, sondern der Spaß. Gerade dann, wenn Strodthoff das Stück ins moderne München hebt: "Wenn ein Mann und eine Frau sich mögen, sollen sie zusammenknallen wie zwei Taxis auf der Leopoldstraße". Der eigentliche Charme der Komödie aber liegt im intimen Setting. Kaum klagt Truffaut "Wir haben uns zu einem Volk von Gaffern entwickelt", schlurft gegenüber ein unbeteiligter Anwohner ans Fenster und wohnt dem Spektakel in Adiletten mit Socken bei. "Unsere Fenster zum Hof" lebt von den Schauspielern, die oft mehr als eine Rolle verkörpern und sich dabei nicht in der Vielschichtigkeit des Spiels im Spiel verlieren. Eine Zusatzvorstellung findet am 14. August um 19.30 Uhr in der Jutastraße 29 statt.

© SZ vom 10.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite