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Kritik:Eindringlich

"Am Boden" des Theaters Viel Lärm um nichts

Von Franziska Herrmann

"Ein Punkt, der beim Zoomen zu einem Mann wird. Zwei Meilen entfernt von unseren Jungs. Die machen was auf der Straße. Sie sind männlich und im wehrfähigen Alter. Ich drücke den Knopf. SPLASH". Die ehemalige F16 Kampfpilotin bleibt namenlos in diesem Stück. Die Gesichter ihrer Opfer, die sie per Joystick vernichtet, kann sie durch das Visier nicht sehen. Auch nicht, ob es Terroristen oder Zivilisten sind. Das Stück "Am Boden" des amerikanischen Dramatikers George Grant, vom Theater Viel Lärm um nichts in der Pasinger Fabrik aufgeführt, thematisiert moderne Kriegsführung mit Drohnen und die psychischen Folgen für die Soldaten.

Aus einem klimatisierten Container in der Nähe von Las Vegas steuert die "Kriegsheldin" nach einer Babypause nun eine Reapor Kampfdrohne im 8000 Meilen entfernten Afghanistan. Ziel ist es, "Schuldige" zu vernichten, die kein Gericht je schuldig sprach. Abends geht die Soldatin nach Hause zu Mann und Tochter. Der überzeugende Abend von Eos Schopohl erzählt ihre Innenansichten eindringlich, ohne gefühlig zu werden, indem er der starken Textvorlage vertraut. Die Schauspielerin Kathrin Wunderlich spielt den einstündigen Monolog mit feinen emotionalen Nuancen, Klarheit und Präsenz. Bei ihrem ersten Kampfeinsatz, mit unbeweglichem Körper am Mikrofon stehend, wird ihr Gesicht selbst zur Drohne. Ihre Augen blicken fast automatisiert. Sie sehen etwas, schauen nach links, rechts, fahren näher heran. Ferngesteuert; als wäre sie sich bereits seit langer Zeit selbst fremd. "Ich bin nicht da. Mein Puls geht schneller. Es ist nicht fair. Aber es ist schneller", sagt sie. Es klingt, als sei sie erstaunt darüber, dass der High-Tech-Krieg Reaktionen in ihr auslöst.

Langsam begreift die Soldatin das abstrakte Tun. Entsetzen überlagert den militärischen Gehorsam, als sie ihre Tochter Sam auf dem Kriegsfeld zu erkennen glaubt. Einzig Ardhi Engels wundersam surreal verzerrte Klänge entführen einen immer wieder in eine Sphäre fern des Kriegs.

© SZ vom 07.09.2020
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