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Kritik:Alter Meister

Georg Schramm mit Thomas Bernhard-Programm

Von Thomas Becker

Der Schramm. Lange nicht gesehen, gleich wiedererkannt, auch wenn er im Original da steht, nicht als Old Lederhand. 71 soll er sein, doch das sind nur Zahlen. Nach einer knappen Stunde "Georg Schramm liest Thomas Bernhards ,Alte Meister'" ist klar, dass die gewaltigste Stimme des deutschen Kabaretts nichts an Wucht verloren hat. Vor sechs Jahren hat Schramm der Bühne ade gesagt, und wenn er doch mal auftritt, löst er entweder alte Versprechen ein oder stellt sich in den Dienst der guten Sache. Dazu gleich mehr.

Schramm und Bernhard also: Die Abteilung Gift und Galle, die frei nach Döblin schwadroniert: Pardon wird nicht gegeben! Der Wiener Nicolas Mahler hat aus Bernhards letztem Roman, dem 335-Seiten-Wälzer "Alte Meister", einen Comic gemacht, woraus Schramm wiederum eine bebilderte Lesung bastelte: Bernhard-Text zu Mahler-Comics, punktgenau gesteuert von Schramm. Multitasking, das ihm alles abverlangt, was er akribisch geprobt hat. Aber er wollte es ja so - weil er Text, Bild und die Kombination daraus grandios findet. Und so nimmt er die Zuschauer im Innenhof des Deutschen Museums mit ins Kunsthistorische Museum zu Wien, wo die von Bernhard als Komödie getarnte Habsburger-Schelte spielt. Mit der nötigen Verve steigert sich Schramm da rein, schickt Heidegger, Dürer, Stifter und Konsorten ins tiefste Höllenfeuer der Verachtung. Ein Fest für Bernhard-Fans, mit dem Nebeneffekt, dass man durch die herrlich subversiven Bilder Mahlers einen neuen Künstler kennenlernt.

Zur guten Sache: Schramm hatte die Lesung für einen Abend im Bellevue di Monaco konzipiert, wo er Genossenschaftler ist. Ging nicht wegen Corona. Sein Angebot: Für jeden Zuschauer, der 500 Euro zahlt, um Genossenschaftler zu werden, legt er 50 Euro drauf. Und eine Lanze für nicht verzagende Veranstalter bricht er auch: "Helfen Sie diesen Leuten, indem Sie immer wieder hingehen!"

© SZ vom 16.09.2020

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