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Kritik:Alte und neue Dämonen

Sigi Zimmerschied und sein "Maskenball" in der Seidlvilla

Von Oliver Hochkeppel

Da war er wieder, wegen seiner Beinprothese mühsam die Stufen zur Bühne erklimmend. Der Kare, niederbayerischer Platzwart (man könnte auch Blockwart sagen), ein kleiner Opportunist, feige und doch machtbesessen. Eine typische Figur im Pandämonium des Kabarettisten Sigi Zimmerschied. Kein anderer hat ja seit 45 Jahren so kraftvoll, entblößend und mitunter fast verzweifelt menschliche Defekte in Rollen verdichtet wie der Miterfinder des Typenkabaretts. Immer wieder so endgültig und an die Grenze gehend, dass man sich fragte, wie er das beim nächsten Programm noch überbieten will. Um genau das aber dann doch meist wieder zu schaffen, zuletzt vor allem durch die Konzentration auf eine einzige, dämonische und doch zutiefst menschliche Figur. So eine sei ihm jetzt für das neue Programm nicht eingefallen, hat Zimmerschied zugegeben, aber es sei ohnehin Zeit gewesen für eine Bestandsaufnahme, hat er doch gerade erst sein Gesamtwerk in einer Box mit 16 DVDs herausgebracht.

Zeit für sein erstes "Best of" also, aber ein Sigi Zimmerschied begnügt sich natürlich nicht damit, alte Ausschnitte zu spielen. Schon der Programmtitel "Maskenball" verheißt Aktualität. Und so konnte man am Mittwoch bei der Premiere im Garten der Seidlvilla zwar einigen seiner stärksten Typen wiederbegegnen - dem Erpresser aus "Multiple Lois" etwa, dem Schöpfungsgehilfen Berti aus "Der siebte Tag" oder, zum krönenden Abschluss, dem ewigen, weil ewig besoffenen und ewig an seinem Status klebenden Lokalpolitiker Hubert aus den frühen "Betondepp'n" -, aber eben in einem neuen, aktuellen Kontext. Als Rahmen dienen klebrig-fröhliche Radio-Newsflashs, in denen es vorwiegend um "König Covid, den 17." und seine "Asoziale Partei Deutschlands APD" samt Ministern wie Attila Hildmann und Xavier Naidoo geht. In diese neue Corona-Hölle fügen sich einige alte Figuren und Texte originalgetreu ein, andere hat Zimmerschied nur leicht aktualisieren müssen. Wie eingangs den Kare, der jetzt vom Platzwart zum städtischen Corona-Kontrolleur aufgestiegen ist, aber an seiner Maxime festhält: "Wenn ich gesund bleibe, ist das Wesentliche erreicht". Und auch Neues ist dabei: Etwa wenn es - angedockt an Helmut Schleichs vermeintliches "Blackfacing" - mit einer bitterbösen Fiktion der Selbstabschaffung des BR zurück zur überwunden geglaubten "ironiefreien politischen Gesellschaft" geht.

Die Demaskierung menschlicher Abgründe war immer schon Sigi Zimmerschieds Thema. Logisch, dass die Pandemie ein gefundenes Fressen für ihn ist. Und dass sich bei diesem "Maskenball" alles als eher noch schlimmer erweist. Dieses Potpourri mag zugänglicher und weniger fordernd sein als die früheren Programme. Heiterer ist es nicht. Ach ja: Was es mit den Verkehrsmeldungen auf sich hat, hören Sie sich am besten selbst an.

© SZ vom 18.06.2021
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