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Komponist:Drei Minuten Ewigkeit

Neben Musik von Carl Orff und Wilhelm Killmayer ertönte auch ein Werk von Krzysztof Penderecki bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1972.

(Foto: Sven Simon/imago)

Der verstorbene Krzysztof Penderecki gestaltete die Eröffnung der Olympischen Spiele 1972 mit

Gerade hat Leichtathletin Heidi Schüller als erste Frau überhaupt den olympischen Eid gesprochen und Kampfrichter Heinz Pollay faire Spiele gelobt, als plötzlich leise eine Bassstimme einsetzt. Während die Kamera langsam über die Sportlergruppen der einzelnen Nationen schwenkt, schwillt der Bass machtvoll an, Klangflächen verfließen ineinander. Darübergelegt mahnt die Stimme des Schauspielers Joachim Fuchsberger, sich vom Krieg fernzuhalten, bis ihn ein griechischer Sprechchor ablöst. Die Klänge werden immer sphärischer, düsterer, unheimlicher und lösen sich schließlich im blauen Sommerhimmel auf.

"Ekechejria" ist der Name der griechischen Göttin des Waffenstillstands. Nach ihr hat Krzysztof Penderecki seine "Musik für Tonband" genannt, die er 1972 für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in München schrieb. Das Stück dauert nur knapp drei Minuten, erzeugt aber beim Wiederhören in der BR-Mediathek immer noch eine Gänsehaut. Die meisten der Zuhörer, die an diesem 26. August im Stadion und an den Fernsehgeräten saßen, wussten vermutlich nur wenig über den polnischen Komponisten. Schließlich war der am vergangenen Sonntag verstorbene Penderecki damals noch längst nicht so bekannt wie heute. Aber es ist gut vorstellbar, dass vielen diese drei Minuten nachhaltig im Gedächtnis blieben. Wirkt es doch zumindest im Nachhinein so, als hätte seine Musik schon vorab die Idee von den "heiteren Spielen" durchkreuzt.

Von den Neunzigerjahren an waren Pendereckis Werke regelmäßig in Bayern zu hören. 1991 etwa fand die Uraufführung seiner Oper "Ubu Rex" an der Münchner Oper statt; oft stand er selbst am Pult, sei es um in der Basilika Niederaltaich ein Konzert mit Stücken polnischer Komponisten zu dirigieren (Juni 1999) oder in München sein "Stabat mater" und Auszüge aus dem "Polnischen Requiem" zu leiten (2001) oder in der Komponistenporträtreihe des Münchener Kammerorchesters mit dabei zu sein (2012).

Doch 1972 war das weit weg. Der Komponist hatte übrigens, anders als es die Aufzeichnung suggeriert, keinen deutschen Text gewählt, sondern ein Fragment aus Pindars siebter Olympischer Ode. Aber aus Sorge, das Publikum könne ungeduldig werden angesichts des unverständlichen Altgriechisch, ließen die Organisatoren Blacky Fuchsberger, der die ganze Eröffnung moderierte, die Übersetzung eines anderen griechischen Texts sprechen, Worte, die dem Delphischen Orakel zugeschrieben werden. Sie mahnen zur Einhaltung des olympischen Friedens, der so jäh durch den palästinensischen Terroranschlag endete.

© SZ vom 02.04.2020

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