bedeckt München

Kommentar:Zeit der Zauderer

Es gilt einen Irrtum auszuräumen: Nicht die Politik organisiert der Kultur eine Lobby, das muss sie schon selbst tun

Von Michael Zirnstein

Zwei Floskeln bestimmen die Klage vieler Kulturschaffender in der Corona-Not: "Wo bleibt der Aufstand der Künstler?", fragt man und gibt sich selbst schulterzuckend eine Art Antwort: "Die Kultur hat eben keine Lobby." Gefühlt mag das stimmen. Tatsächlich gab es in München noch keinen organisierten Großauflauf der Kulturwelt wie den an diesem Samstag um 12 Uhr auf dem Königsplatz. Aber es gab andere Formen des Widerstands gegen eine kunsthemmende Haltung in der Politik, die der Demo-Redner und einstige Kultusminister Hans Maier so erklärt: "Kultur ist ein freies, lockeres, wenig strukturiertes Gebilde aus diversen Kräften, sie geschieht freiwillig und hat daher wenig zwingende Macht, deshalb wird sie als erste zugesperrt."

Ihr bisschen Macht spielten die Kreativenverbände in Hinterzimmergesprächen mit Politikern ebenso aus wie Kulturinstitutionen in einer "Night of Light" mit ihren rotbestrahlten Heimstätten, Kulturveranstalter mit der Social-Media-Aktion "Ohne uns ist's still" oder Musiker mit Guerilla-Standkonzerten (was die Kultur zurück in die öffentliche Wahrnehmung bringt, aber auch an Apotheker erinnert, die Schnupfenspray auf der Straße verschenken, anstatt es zu verkaufen). Dabei sind sich doch alle Anständigen einig: An die Demonstrationen jenes Wirrwarrs aus Wutbürgern, Verschwörungsspinnern und Rechtsextremen hängt man sich selbstverständlich nicht dran.

Diese respektable Haltung wurde zum Problem der aktuellen Kundgebung "Aufstehen für Kultur". Dort geriet Kirsten König auf die Rednerliste, eine Künstleragentin, aber auch Aktivistin des dubiosen "Querdenken"-Lagers. Selbst als die im Demo-Geschäft noch unerfahrene Initiatorin Veronika Strauss König wieder auslud und sich samt allen Beteiligten von jeglichen Extremisten und Corona-Leugnern distanzierte, blieb etwas kleben. Viele ihrer Bitten an Kollegen um Beiträge oder Unterstützung blieben unbeantwortet. Viele der sonst engagierten Verbände und Netzwerke stimmten sich hintenrum ab, dort "mal lieber nicht mitzumachen". Man lässt die Bratschistin auflaufen. So bleibt es bei Videobotschaften von Gerhard Polt und Konstantin Wecker, einem Coronasong der Cagey Strings und einzelnen engagierten Rednern wie dem Tenor Julian Prégardien oder dem Fotografen Tobias Melle, der sich "schon seit Monaten" fragt, "wie man gemeinsamen Schwung" in die zersplitterte Kunstwelt bringen kann. Die Zauderer hatten nun seit Juli Zeit, mit dem Orgateam auf einen Nenner zu kommen - oder eben eine eigene Demo auf die Beine zu stellen. Die Bündnisse würden dringend gebraucht, ihre Mitglieder geballt aufzustellen, um vereint mächtiger zu sein. Es gilt einen Irrtum auszuräumen: Nicht die Politik organisiert der Kultur eine Lobby, das muss sie schon selbst tun.

© SZ vom 24.10.2020

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