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Kommentar:Was der Anstand gebietet

Johann Stadler verweigert weiter Antworten zur Verstrickung seiner Familie in ein Haderner Bauprojekt. Überfällig ist eine Entschuldigung, selbst ein Rücktritt kommt in Betracht

Von Berthold Neff

Es gehört zum guten Ton, dass man sich entschuldigt oder gar um Verzeihung bittet, wenn einem etwas missrät. Wer im Gedränge der U-Bahn jemand anderem auf den Fuß tritt, äußert normalerweise ebenso ein Wort des Bedauerns wie derjenige, der das helle Sakko seines Sitznachbarn in der Bar versehentlich mit Rotwein bekleckert. Etwas komplizierter wird es im Zwischenmenschlichen, wenn Zuneigung oder gar Liebe durch Lüge oder Verrat schwer enttäuscht wird. Dann hilft manchmal alles Flehen nicht, das Ende einer solchen Beziehung ist oft unausweichlich.

Die Bürger Haderns haben dem CSU-Mann Johann Stadler vertraut. Sie haben ihn seit langen Jahren immer wieder in ihr Stadtviertel-Gremium gewählt, sie haben es ihm zugetraut, sie auch noch im Rathaus zu vertreten. Nun aber, da sie durch eine lästige, zumindest am Anfang schlecht gesicherte und unprofessionell geführte Baustelle in Bedrängnis gerieten und sich in ihrer Not hilfesuchend an ihn wandten, hat er sie schwer enttäuscht. Zwei Mal hat er in der Sitzung des Bezirksausschusses vor aufgebrachten Bürgern so getan, als könne er seine Hände in Unschuld waschen. Anstatt zuzugeben, dass seine Familie tief in das Bauprojekt verstrickt ist, das den Mietern ihr Grün vor der Haustür raubte und ihnen nun Dreck, Lärm und einiges an Gefahren beschert, verwies er sie kaltschnäuzig an die Stadtverwaltung. Dort könnten sie sich ja beschweren.

Dann wurde bekannt, dass seine Familie dieses Projekt zu verantworten hat. Es stellte sich heraus, dass er die Bürger getäuscht hat, dass er nicht den Mumm hatte, seine Verstrickung offenzulegen. Deshalb haben die Bürger allen Grund, ihm nicht mehr zu vertrauen. Sollte er bei der Kommunalwahl 2020 nochmals für den Stadtrat und den Bezirksausschuss kandidieren, werden sie es ihn spüren lassen.

Und damit ist auch die CSU im Spiel. Die Partei kann es sich nicht leisten, im Sog dieser Affäre ebenfalls das Vertrauen der Wähler zu verspielen. Es ist höchste Zeit, dass die Rathaus-CSU ihr Fraktionsmitglied Stadler zur Räson ruft, dass sie ihm klar macht, dass man mit den Bürgern, mit den Wählern so nicht umspringen kann. Dass es der Anstand erfordert, sich nach einem solchen Fehlverhalten zumindest zu entschuldigen. Und dass man durchaus auch zurücktreten kann.

Johann Stadler hat all dies bisher verweigert, geht auf Tauchstation, will die Affäre aussitzen. Wenn er bei dieser Haltung bleibt, hat er im Haderner Bezirksausschuss nichts mehr verloren.

© SZ vom 11.07.2018

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