Kommentar:Von der Bahn überrollt

Das Leben mit Zügen ist kein leichtes. Vor allem nicht im Münchner Osten

Von Nicole Graner

Die Deutsche Bahn AG tut das, was sie richtig gut kann: Menschen das Leben sauschwer machen. Im Falle des Umbaus der Gleise am Truderinger Bahnhof geht es zunächst vordergründig wieder einmal um den Klimaschutz, um ökologische Effizienz. 740 Meter lange Züge würden 52 Lastwägen von der Straße bringen, argumentiert die Bahn. Außerdem sei ständiges Abbremsen und Beschleunigen nicht Sinn der Sache. Das Argument des Klimaschutzes ist groß, und wird auch vorgebracht, wenn es um den viergleisigen Ausbau der Bahnstrecke zwischen Daglfing und Johanneskirchen geht. Schließlich bekämen die Anwohner, die direkt an den Gleisen wohnen, ja auch alles hingestellt, um mit den heranbrausenden Zügen leben zu können: Lärmschutzwände, Schalldämmlüfter, Schienenwegdämpfer.

An der Heltauer Straße geht die Bahn nun aber noch einen heftigen Schritt weiter. Zu weit. Sie schreckt nicht davor zurück, Eigentum der Anwohner anzutasten. Sie will an die Grundstücke der Siedlung ran und damit den Ausbau der Gleise an der Schatzbogenbrücke umsetzen und die von ihr vorgeschlagene Trasse A 1 zum viergleisigen Ausbau der Strecke bis Johanneskirchen sowie zur Truderinger und Daglfinger Kurve und Spange (TDKS). Koste es, was es wolle. An drei Stellen will die Bahn nun Gleise direkt an Häusern vorbeiführen: an der Thomas-Hauser-Straße und an der Heltauer Straße in Trudering sowie an der Tarnowitzer Straße in Daglfing. Die Begründung der Bahn: Wir haben Baurecht! Aber was ist mit Wohnrecht?

Die Frage, die sich bei den Bahn-Projekten im Münchner Osten stellt, ist eine grundsätzliche: Warum muss internationaler Güterverkehr, vom Brenner-Basistunnel in spe kommend, durch die Stadt donnern? Warum, fragt sich auch ein Anwohner der Heltauer Straße "müssen so lange Güterzüge mit 100 Stundenkilometern durch Wohngebiete rauschen?". Die Antwort der Bahn: Es habe "keine Möglichkeiten gegeben, es mit einer anderen Trasse zu lösen". Die Alternativvorschläge von Bürgerinitiativen widerlegen das. Die Bahn nimmt nur mal wieder den einfachsten Weg.

© SZ vom 27.07.2021
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