bedeckt München

Kommentar:Stures Limit statt kluger Konzepte

Dass in München nur noch 50 Menschen ins Theater oder Konzert dürfen, ist weder sinnvoll noch fördert es das Vertrauen in die Corona-Politik der Regierung. Nun liegt es an der Stadt, mit Ausnahme­genehmigungen einen vernünftigen Weg zu beschreiten

Von Susanne Hermanski

Fünfzig Leute pro Veranstaltung, keiner mehr. Wenn es nach Markus Söder geht, soll es keine Ausnahmen für die Kultur geben, wenn in einer Stadt oder in einem Landkreis die Corona-Ansteckungsraten hoch sind. Egal, was die Studien der Experten vom Klinikum rechts der Isar sagen, die offizielle staatliche Stellen direkt in Auftrag gegeben haben - sie stellten keine einzige nachweisliche Infektion etwa in der Oper fest. Egal, welche Maßgaben Söders Regierung für amtliche Hygienekonzepte gestern noch aufgestellt hat, und egal, ob sie bislang penibel eingehalten worden sind: Mindestabstände, Wegeführungen, das Tragen der Masken während der gesamten Vorstellung, den Austausch der kompletten Luft im Saal innerhalb weniger Minuten. Und egal, was höchste Staatsbedienstete sagen, die Intendanten der Staatstheater zum Beispiel, die am Freitag in einem gemeinsamen Brief, und damit in einem einzigartigen historischen Akt an ihn appelliert hatten. Söder beharrt.

Doch was demonstriert er damit außer der reinen Macht, dies tun zu können? Er offenbart, dass er keinerlei Vertrauen hat in seine eigenen Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit. Und er zerstört so auch das Vertrauen der Bevölkerung in diese. Regiert so die Vernunft? Entspricht das der Staatsräson? Zumal in einem Land, das sich in seiner Verfassung als "Kulturstaat" definiert, und das damit seine Mächtigen dazu verpflichtet, dessen einzigartige Kultur zu schützen. Ein solches Handeln ist irrational. Sogar der ehemalige, hoch angesehene Kultusminister Hans Maier, Mitglied der CSU, 89 Jahre alt und damit Mitglied der Hochrisikogruppe, hat bei der Demonstration "Aufstehen für Kultur" und in vielen Interviews Söder zu bewegen versucht, von seinem Vorhaben abzurücken.

Die Beamten der Stadt München mit Oberbürgermeister Dieter Reiter an der Spitze könnten nun Ausnahmegenehmigungen erteilen, am besten gleich an diesem Montag noch. Eine Genehmigung zum Beispiel, die erlaubt, dieses 50-Personen-Limit in der Philharmonie im Gasteig mit ihrem riesigen, 2500 Menschen fassenden Raumvolumen zu überschreiten. Damit liegt nun die Verantwortung für ein vernünftiges, auf Fakten basierendes politisches Handeln in diesen von Ängsten und Verunsicherungen geprägten Zeiten für München in Reiters Händen. Hoffentlich hat er den Mut, Logik walten zu lassen. Und den Kopf, den er ohnehin hinhält, auch zu gebrauchen.

© SZ vom 26.10.2020
Zur SZ-Startseite