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Kommentar:Schleichende Veränderung

Die Zerstörung uralter Zeugnisse wie der Dorfkerne beginnt meist im Kleinen und wächst sich dann scheibchenweise aus. Das Planungereferat ist deshalb gut beraten, genau hinzuschauen bei diesem Neubauprojekt

Von Thomas Kronewiter

Mehrfamilienhaus, Einfamilienhaus, Tiefgarage - es ist kein spektakuläres Hochhaus-Vorhaben, wie an der Paketposthalle, keine avantgardistische Architektursprache, die an der Herterichstraße in Forstenried verwirklicht werden soll. Sondern ein eher beiläufig vorgestellter Beitrag gegen den Wohnraummangel und damit zugleich ein an sich erwünschtes Projekt in einer Stadt unter Miet-Stress. Es ist nur die Lage, die den Aufschrei in der Lokalpolitik verständlich, ja nachvollziehbar macht. Dabei ist so Profanes wie die Garmischer Autobahn gar nicht weit, Sportanlagen, ein Hallenbad, aber auch die Kirche Heilig Kreuz. Und exakt dort, an der Kreuzung der Herterichstraße mit der Forstenrieder Allee, liegt eben auch der Dorfkern mit dem "Alten Wirt", einem der Gebäude, an denen sich das ursprüngliche Erscheinungsbild des Dorfes Forstenried am ehesten nachvollziehen lässt.

In der nagelneuen Dorfkern-Broschüre der städtischen Lokalbaukommission hat es das Bild des "Alten Wirts" nicht von ungefähr auf die Titelseite geschafft, gilt mithin als ein besonders typisches und prägnantes Beispiel für die 18 definierten Ortskerne, die es in der aus vielen Dörfern zusammengesetzten Millionenstadt an der Isar noch gibt. "Wer die Dorfkerne nicht kennt, kennt München nicht." So lässt sich Stadtbaurätin Elisabeth Merk in eben derselben Broschüre zitieren. Fast schon vergessen ist das jahrelange Streiten mit dem Landesdenkmalrat um die Erhaltung der letzten Zeugnisse alter Stadtentstehungsgeschichte - denn das Expertengremium hatte vor Jahren schon einmal angesetzt, viele der Ortskerne aus der Liste der Denkmalensembles zu streichen.

Sie seien als solche nicht mehr zu erkennen, hieß es sinngemäß. Moderner Neubau hier, Anbau dort, Abriss hier, Umbau dort. Die Zerstörung uralter Zeugnisse beginnt meist im Kleinen und wächst sich dann scheibchenweise aus. Das Planungsreferat mit seiner Lokalbaukommission, das vor Jahren in seltener Einigkeit mit den Bezirksausschüssen und deren Ortskenntnis um den Erhalt der identitätsstiftenden Dorfkerne gekämpft hat, ist also gut beraten, ganz genau hinzuschauen. Vielleicht kann man dann sogar sicher sagen, dass das Bauprojekt kein Problem darstellt. Vielleicht aber ist seine Realisierung auch der Einstieg in die nächste Verwässerung eines Ortskern-Ensembles. Sorgfalt ist wichtig. Damit man nicht in ein paar Jahren, bei der nächsten Revision der noch existierenden Dorfkerne, ein ernüchterndes "Déjà vu" erlebt. Und nur mehr 17 Dorfkerne hat. Oder noch weniger, denn die schleichende Veränderung macht nicht an der Forstenrieder Stadtteilgrenze Halt.

© SZ vom 16.06.2021
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