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Kommentar:Mut zu einer Herkulesaufgabe

Das alte Haus am St.-Georgs-Platz gehört zu Milbertshofens historischem Kern. Schon um das Geschichtswissen zu wahren, sollte es saniert werden

Von Thomas Kronewiter

Man sieht es dem alten Kasten nicht unbedingt an, doch fehlen dem Haus am Alten St.-Georgs-Platz nur noch ein paar wenige Jahre bis zu seinem 200. Geburtstag. So lange steht es in Milbertshofens Keimzelle, dem Kern des einstigen Gutes Illungeshofen. Damit ist es gut drei Jahrzehnte nach dem Tag im Jahr 1800 entstanden, als vier Waldsassener Bauernfamilien das davor kurfürstliche Gut für 33 000 Gulden übernahmen und die ersten Schritte hin zum Dorf und später zum "einverleibten" Stadtviertel machten. Nur wenige Schritte von diesem historischen Plätzchen entfernt steht die alte St.-Georgs-Kirche und in ihr der Milbertshofener Flügelaltar aus dem Jahr 1510, einer der wertvollsten Kunstschätze des alten Dorfes.

Wer weiß das heute noch? Vielleicht der eine oder andere alteingesessene Milbertshofener, aber wirklich wach gehalten wird die Erinnerung kaum mehr, da rührige Stadtteilhistoriker wie Franz Schrenk nicht mehr leben und die kleine Handvoll noch Aktiver im Förderverein Alte St. Georgskirche Milbertshofen auch nicht jünger wird. Damit ist auch schon der wichtigste Grund genannt, warum das alte Haus, an dem täglich Tausende via Frankfurter Ring vorbeibrettern, erhalten und mit Leben erfüllt werden muss. Ist es einmal abgerissen, bleibt vom historischen Dorfkern nur mehr das im Zweiten Weltkrieg großteils zerstörte Georgskircherl übrig.

Mit dieser Perspektive sollte sich ein Viertel, in dem die ansässige Großindustrie viel Geld für die Stadt verdient, nicht abfinden. Freilich darf man nicht naiv an die Sache herangehen. Das alte Stadtteilzentrum steht nicht von ungefähr seit Jahren leer. Die früheren Nutzer, allen voran der Verein Stadtteilarbeit, sind nur zu gern in den Neubau neben dem Kulturhaus umgezogen. Am Ende konnten sie, obwohl die bisher letzte Sanierung doch erst 2009 stattgefunden hatte, aus statischen Gründen das Obergeschoss nicht mehr für Versammlungen nutzen. Und sie mussten den Keller wegen der unzumutbaren Schimmelbelastung meiden.

Allein diese beiden Probleme, die permanent aufsteigende Feuchtigkeit und die nicht mehr tragfähige Statik, in den Griff zu bekommen, dürfte viel Geld und Expertise kosten. Ob die Idee, Künstlern diese Zustände zuzumuten, weil sie nur begrenzte Zeit dort verbringen, zielführend ist, darf deshalb zumindest bezweifelt werden. Zu einer gründlichen Sanierung gibt es keine Alternative. Nur: Wer mutet sich diese Herkulesaufgabe zu?

© SZ vom 07.08.2020

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