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Kommentar:Krank und alleingelassen

Drogen sind illegal, Gesetz ist Gesetz. So einfach ist das. Aber eben auch rücksichtslos und engstirnig

Von Thomas Schmidt

Der vorerst letzte Rauschgifttote in München war gerade mal 22 Jahre alt, als er Anfang Mai allein in seiner Wohnung starb. Es ist Spekulation, ob der junge Mann heute noch leben würde, wäre er bei seinem finalen Rausch nicht allein gewesen - doch er hätte wohl zumindest noch eine Chance gehabt. Wer einsam im Sterben liegt, hat keine Chance mehr, nicht auf Rettung, nicht auf Entgiftung, nicht auf Therapie und auch nicht auf einen Ausweg aus der Sucht.

Fixerstuben, Druckräume, oder wie auch immer man sie nennen mag, bieten diese Chancen. Suchtkranke können dort unter hygienischen Umständen konsumieren, die Spritzutensilien sind steril. Impfungen werden angeboten, Therapien vermittelt, und wer kollabiert, erhält auf der Stelle medizinische Hilfe. Die Debatte über solche Angebote währt bereits seit mehr als 20 Jahren, doch die Frage ist bis heute aktuell. Und das gilt erst Recht für München.

Denn in dieser Stadt gilt es als Erfolg der Polizei, dass sie keine offenen Fixerszenen akzeptiert und konsequent Dealer verdrängt. Die Kehrseite aber ist, dass sich Münchens Suchtkranke ins Private zurückziehen, sich verstecken. Von zehn Drogentoten in diesem Jahr wurden sieben in einer Wohnung gefunden, zwei auf einer Toilette und einer in einem Hinterhof. Jeder von ihnen war allein. Viele Opfer könnten vermutlich noch leben, hätten sie einen überwachten Raum zur Verfügung gehabt. Die Deutsche Aids-Hilfe listet 23 solcher Räume in sechs Bundesländern auf, von Hamburg bis Saarbrücken, von Berlin bis Düsseldorf. Aber keinen in München.

Die CSU setzt lieber auf Verbote. Drogen sind illegal, Gesetz ist Gesetz. So einfach ist das. So rücksichtslos und engstirnig. Ein suchtkranker Mensch, der von der Polizei fortgescheucht wird, hört ja deswegen nicht auf, Drogen zu nehmen. Konsumräume verlängern das Leben von Kranken, von Schwerstabhängigen, bei denen sich nicht die Frage stellt, ob sie konsumieren, sondern nur, wie. Allein zuhause? Auf einem stinkenden Bahnhofsklo? Nachts auf einem Spielplatz, in dessen Sand dann die Spritze landet? Es gäbe eine Lösung, doch für die müsste man Toleranz aufbringen für Suchtkranke. Toleranz ist nicht die Stärke der CSU.

© SZ vom 06.06.2018
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